„Kindergartensozialarbeit wirkt. Sie ist ein hilfreiches Instrument für mehr Bildungsgerechtigkeit, unterstützt Armuts- sowie Gesundheitsprävention und entlastet das pädagogische Personal. Dieses Potential gilt es zu nutzen und Kindergartensozialarbeit als festen Bestandteil im Bildungssystem zu verankern.“ – Diesen Appell richten die Caritas der Diözese Graz-Seckau und KiB3, die Kinderbildungsstiftung der Diözese Graz-Seckau, an die Entscheidungsträger im Bildungssystem. Hintergrund sind die Erfahrungen aus einem zweijährigen Pilotprojekt zur Kindergartensozialarbeit, das Ende Juli ausläuft. Eine Studie des Grazer Sozialforschungsinstituts X-Sample, die nun vorliegt, belegt die Wirkung des Angebots.
Fachspezifische Expertise ergänzt pädagogische Arbeit
In dem Pilotprojekt waren seit Herbst 2024 an18 Standorten in Graz Sozialarbeiter*innen zu festen Zeiten für Eltern erreichbar. Sie boten Gespräche und Beratungen an, vernetzten mit spezialisierten Beratungsstellen und boten in konkreten Fällen auch persönliche Begleitung zu weiteren Hilfsangeboten. Als Ansprechpartner*innen für das pädagogische Personal unterstützten sie etwa bei psychosozialen Fragestellungen und in der Elternarbeit. „Die fachspezifische Expertise der Kindergartensozialarbeit ist eine wertvolle Ergänzung zur pädagogischen Tätigkeit im Kindergarten“, resümiert Walter Prügger, Geschäftsführer von KiB3, aus Sicht des Trägers: „Sie trägt damit zur Sicherung und Stärkung der Qualität dieser Bildungseinrichtung bei“.
Familien und Belastungen werden erstmals sichtbar
„Kindergartensozialarbeit setzt dort an, wo Familien mit ihren möglichen sozialen Schwierigkeiten, gesundheitlichen oder psychosozialen Bedingungen erstmals sichtbar werden“, erläutert Friedrich Mayer, Leiter der Kindergartensozialarbeit der Caritas Steiermark. „Da geht es oft um Problematiken, die den pädagogischen Alltag überfordern. Wenn diese Themen früh erkannt werden, kann Hilfe rechtzeitig angeboten werden und greifen. Das entlastet das Personal und damit auch das Bildungssystem. Denn Probleme, die in dieser Phase gelöst werden, tauchen später nicht in der Schule auf.“
„Hoch komplexe Tätigkeit in sensiblem Bereich“
Sozialforscher Thomas Lederer-Hutsteiner, der das Pilotprojekt wissenschaftlich evaluiert hat, hält fest: „Kindergartensozialarbeit ist hoch komplex und agiert in einem besonders sensiblen Bereich, der großes Vertrauen erfordert.“ Für die Studie wurden 57 Eltern befragt, die Beratungen in Anspruch genommen hatten, zudem 77 pädagogische Fachkräfte sowie sieben Leiter*innen von Einrichtungen. Über 81 Prozent der befragten Eltern erlebten die Beratung demnach als „sehr hilfreich“. Drei Viertel stimmten der Aussage zu: „Die Beratung hat mir geholfen, selbst Lösungen zu finden“. Über 81 Prozent der Eltern fühlten sich der Studie zufolge nach der Beratung sicherer im Umgang mit den besprochenen Problemen.
Niederschwellig, diskret und vertrauensvoll
Die Pädagog*innen erleben der Studie zufolge größere Sicherheit in der Einschätzung von Fragen des Kindeswohls und in Gefährdungssituationen. Deutlich über 80 Prozent schätzten das Angebot als hilfreich und unterstützend ein. Wesentlich für den Erfolg der Kindergartensozialarbeit ist nach Erkenntnissen des Sozialforschers ein unkomplizierter, niederschwelliger Zugang zu den Beratungen, Diskretion und eine gute Vertrauensbasis sowohl mit den Familien als auch mit dem Personal sowie eine klare organisatorische Trennung von sozialarbeiterischer Tätigkeit und pädagogischem Alltag.
Hoher gesellschaftlicher Nutzen
Nach Überzeugung der Caritas geht der Nutzen jedoch über die unmittelbar positiven Effekte für die erreichten Familien und das pädagogische Personal weit hinaus: „Wir sehen hier ein Angebot, das in viele Richtungen wirkt“, betonte Caritas-Vizedirektor Thomas Ferk: „Problemlagen in Familien mit psychosozialen, gesundheitlichen oder finanziellen Dimensionen werden früh erkannt und es kann gegengesteuert werden. Das geht von der Lernschwäche bis hin zu Gewaltthemen in der Familie. Damit ist Kindergartensozialarbeit ein starker Hebel für mehr Bildungsgerechtigkeit und ein wertvolles Instrument der Prävention im gesundheitlichen wie im sozialen Bereich.“
„Mächtiges Instrument dauerhaft im Bildungssystem verankern“
Das Pilotprojekt wurde aus Mitteln der MEGA-Bildungsstiftung, des Sozialministeriums und des Innovationstopfs der Diözese Graz-Seckau finanziert und läuft nun aus. Eine Fortführung ist durch eine weitere Finanzierung aus dem Sozialministerium nun vorläufig für ein Jahr möglich, allerdings muss der Umfang reduziert werden. Caritas-Vizedirektor Ferk betont, bei vergleichsweise geringem Einsatz von Mitteln könne ein großer gesamtgesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Gewinn erreicht werden: „Gerade angesichts knapper Budgets appellieren wir an die Entscheidungsträger, das vielfältige Potential von Kindergartensozialarbeit zu nutzen und dieses mächtige Instrument dauerhaft strukturell im Bildungssystem zu verankern.“
Foto: honorarfrei, credit: Caritas "Vielfältiges Potential der Kindergartensozialarbeit nutzen!“: Walter Prügger, Geschäftsführer KiB3, Friedrich Mayer, Projektleiter Kindergartensozialarbeit, Thomas Lederer-Hutsteiner, Sozialforscher, Thomas Ferk, Vizedirektor Caritas Steiermark
