"Duša" - die Seele Sarajevos

"Es ist nicht leicht euch meine zahlreichen Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse zu berichten. Wo fang ich am besten an? Sarajevo ist eine Stadt die man entweder auf den ersten Blick ins Herz schließt oder aus der man fliehen will, weil es keine Arbeit und keine Zukunft gibt. Ich gehöre zu den Menschen die Sarajevo auf den ersten Blick ins Herz geschlossen haben. Hier spricht man von "duša", also von der "Seele", die Sarajevo hat.

War man einmal da, kommt man wieder. So geht es natürlich nicht allen. Es gibt Menschen, die unsere Standards gewohnt sind, die wirkliche Armut, Krieg und Nachkriegszeit, nur aus dem Fernsehen kennen. Für diese Menschen ist es schwer diese "duša" die hier überall zu spüren ist, zu erkennen. Diese Menschen wollen fliehen, wollen nichts mit all dem zu tun haben. Natürlich funktioniert hier vieles nicht wie bei "uns" im Westen. Wir sind weit weg von EU oder Sozialhilfe. Die Menschen hier wissen aber trotzdem wie man das Leben genießen kann. Überall Menschen, man wird um keine Uhrzeit leere Straßen vorfinden, hilfsbereite Menschen. Im Kontrast dazu eine erschreckende Arbeitslosen und Kriminalitätsrate. Für mich ist es hier wie ein zweites zuhause. Ich habe mich von der ersten Sekunde an wohl gefühlt.

Um zu mir und meiner Arbeit zu kommen: Ich arbeite hier als Freiwillige im Caritas- Kindergarten, in dem Kinder verschiedener Religionen Tag für Tag ihren Alltag miteinander verbringen. Jeder wird akzeptiert, alle sind gleich. Hier sieht man, dass "multikulti" problemlos funktioniert kann. Die Kinder von oft gemischten Elternteilen (muslimisch und katholisch) wachsen hier gemeinsam. So soll es sein. Ich bin hier von Anfang an richtig einbezogen worden, als wäre ich schon immer hier. Die Mitarbeiter sind sehr fürsorglich, das Essen ist super und es gibt nichts was mir hier fehlt.

Heute haben wir Nikolo gefeiert. Aus Deutschland wurden für jedes Kind Geschenke gespendet und von einem Nikolo, der mit Kutsche und Pferd auf Besuch kam, überreicht. Hier im Kindergarten ist der Krieg weit weg, für viele Erwachsene ist er jedoch noch immer vor der Haustüre.

Der Weg, den ich jeden Tag zu Arbeit gehe, ist überfüllt mit Granatenkratern und Ruinen und ich werde von mindestens zwei Straßenhunden begleitet. Das mag abschreckend klingen, ist es für mich aber nicht. Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen, das ist keine Frage. Man gewöhnt sich daran. Weihnachten in Sarajevo ist anders als bei "uns". Es duftet nirgendwo nach Waffeln und Glühwein. Die Geschäfte sind nicht mit Weihnachtsschmuck überfüllt, es tönen keine Weihnachtslieder aus dem Radio...es ist nun mal ein zum Großteil muslimisches Land. Trotzdem wird hier Weihnachten gefeiert wie überall. Im Kindergarten haben wir alles weihnachtlich dekoriert, es gibt einen Adventkalender und Adventkranz, Weihnachts-CDs -eben alles was dazugehört. Ich bin in Weihnachtsstimmung! Ich hoffe, ihr habt durch diese Zeilen einen guten Einblick bekommen wie ich hier in Sarajevo lebe und wie sehr mir hier alles ans Herz gewachsen ist. Mit Tränen in den Augen, muss ich sagen, dass der Antritt dieses Internationalen Freiwilligeneinsatzes die beste Entscheidung meines Lebens war. Man bewirkt viel, man verändert sich, man wird älter und man sammelt Erfahrungen und Eindrücke, die einen nie wieder verlassen.