5. Studientage - Komplexe Suchtarbeit

Vorträge

Impulsreferat

Univ.-Prof., Dr. phil. Peter Strasser

Die Sucht nach Lebendigkeit, Ein erweiterter Drogenbegriff

Es gibt heute einen Zombie-Kult. In dessen vergnüglichem Grusel spiegelt sich aber auch unsere Angst, lebendig tot zu sein. Menschen neigen dazu, unter Zuständen der Leblosigkeit zu leiden, von der bohrenden Langweile bis zur tödlichen Depression. Lebendigkeitssteigernde Mittel gehören daher seit jeher zur menschlichen Kultur. Solche Mittel sind – streng genommen – Drogen, denn sie erzeugen Sucht: Man will sich wieder und wieder lebendig fühlen. Beim Kampf gegen jene Drogen, die wegen ihres aggressiven Einwirkens auf Organismus und Psyche nicht toleriert werden, wird leicht übersehen, dass unsere postmodernen Gesellschaften keine nachhaltige Lebendigkeitskultur generieren. Klassisch „existenzielle Drogen“ – sei es die Religion, ein politisches Heilsprogramm oder die bürgerliche Selbstverwirklichung – sind passé. Hingegen bleiben spirituelle Techniken, glamouröse Inszenierungen oder Extremsportarten nur kleinen Gruppen aus der großen Masse zugänglich. Das rasche Abgleiten in zerstörerische Suchtmittel, beginnend bei den Partydrogen, ist Symptom einer zivilisatorischen Krise, unter der besonders junge Menschen leiden.

Peter Strasser zum Nachlesen

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Impulsreferat Peter Strasser zum Nachhören

Dauer: 35:18

Interview & Lesung

Jörg Böckem

Über Versuche der Sucht ein gutes Leben abzutrotzen

Jörg Böckem wird Auszüge aus seiner Autobiografie „Lass mich die Nacht überleben“ lesen, die von seinen Versuchen erzählen, mit Hilfe von Drogen ein besseres Leben zu führen und der Sucht ein gutes Leben im Schlechten abzutrotzen. Anschließend wird er im Interview mit dem Suchtkoordinator der Stadt Graz, Ulf Zeder, über Glück und die Suche nach dem gutem Leben zwischen Rausch, Sucht, Substitution, Therapie und Ausstieg reden.

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Jörg Böckem zum Nachhören

Lesung aus der Autobiographie „Lass mich die Nacht überleben“

Dauer: 11:44

Impulsreferat

Dr. med. Daniel Meili

Der Sturz des Abstinenz-Paradigmas

Bis in die 90er Jahre galt eine Suchtbehandlung als gescheitert, wenn sie nicht zur Abstinenz führte. Dies schloss Betroffene von der Behandlung aus, welche die Abstinenz nicht erreichen konnten. Das Abstinenzparadigma war demzufolge mitverantwortlich für sehr viele Todesfälle durch Überdosierungen und Infektionskrankheiten. Die Frage, wer was erreichen will oder kann, wurde kaum gestellt. Suchtbehandlung ist aber sehr effektiv hinsichtlich Reduktion von Letalität und Morbidität und kann einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität leisten, die sich nur individuell und letztendlich subjektiv definieren lässt. Menschen eine solch wirksame Behandlung vorzuenthalten ist ethisch nicht vertretbar; jemandem aufoktroyieren, was gutes Leben sei, ist eine Anmassung. Die Begriffe Schadensminderung,  substitutionsgestützte oder abstinenzgestützte Behandlung und kontrollierter Konsum fanden Einzug ins therapeutische Denken und dadurch wurde die Abstinenz von der Spitze der Zielpyramide gestürzt. Nur wer überlebt, kann seine Ressourcen nutzen, sei es mit oder ohne weiter bestehendem Drogenkonsum. So entstand eine neu Zielpyramide.

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Daniel Meili zum Nachhören

Impulsreferat zum Thema "Der Sturz des Abstinenz-Paradigmas".

Dauer: 27:10

Impulsreferat

Dr. Peter Degkwitz, M.A

25 Jahre Harm Reduction und die Frage von Teilhabe und „gutem Leben“

Zumindest in West- und Mitteleuropa haben sich mit Harm Reduction und Substitutionsbehandlung wichtige Aspekte einer rationalen Drogenpolitik fest etabliert. Aber trotz dieser Durchbrüche und ihrer Effekte auf Überleben sowie auf gesundheitliche und soziale Stabilisierung bestehen Diskriminierung und Desintegration von DrogenkonsumentInnen fort und das „gute Leben“ bleibt zumeist Fiktion.

Diese Stagnation verwundert nicht bei Bilanzierung der drogenpolitischen Gesamtsituation der letzten Jahrzehnte. Beim Plädoyer für eine humane Drogenpolitik (nach 68, in Verbindung mit den neuen sozialen und Bürgerrechtsbewegungen) wurde in den 80ern von einer durch Politik selbst geschaffener Verstrickung von Kriminalisierung, Profitanreiz auf Märkten, Angeboten und Abhängigkeiten ausgegangen, die entflochten werden muss.

Über Spritzentausch, Niedrigschwellige Hilfen, Substitution erfolgten solche Entflechtungen, die getragen von einem Konsens zwischen drogenpolitisch aktiven Professionellen und breiter Öffentlichkeit realisiert wurden. Aber politischer Katalysator dafür war die AIDS-Krise der 80er (nicht Einsicht in die Untragbarkeit des Drogenelends) und die kulturellen „Gedankengefängnisse“ der Prohibition und des „War on Drugs“ blieben weitgehend intakt. Hinzu kam, dass seit den 90er Jahren die Fortschritte der Drogenhilfe in Deregulierung, Endsolidarisierung sowie Rückzug des Sozialstaats eingebettet sind. Dadurch verengen sich die Optionen für die Betroffenen wie die Hilfeeinrichtungen, die auf ihre ordnungspolitische Funktion beschränkt werden.

Wir (Praxis wie Wissenschaft) sollten uns beständig mit den offiziellen drogenbezogenen Anschauungen auseinandersetzen, die komplexe Zusammenhänge in simple Schuldzuweisungen (an Konsumenten oder Droge) aufzulösen suchen. Anhand dieser Paradoxien ist die sozial- und gesundheitspolitische Auseinandersetzung um Entkriminalisierung, Modelle der Regulation, Normalisierung und um Teilhabe und Integration von KonsumentInnen neu zu führen.

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Peter Degkwitz zum Nachhören

Impulsreferat zum Thema "25 Jahre Harm Reduction und die Frage von Teilhabe und „gutem Leben“ ".

Dauer: 33:16

Impulsreferat

Univ.-Doz. Dr. med. Martin Kurz

Das geglückte Leben. Identitätsentwicklung im Recovery-Prozess

Partizipation, Recovery, Empowerment  und andere individuums- und ressourcenorientierte Konzepte stammen ursprünglich aus politisch motivierten Menschenrechts- und Bürgerbeteiligungsbewegungen und haben sich in den letzten Jahren einen strategisch-ideologischen Platz in der Gesundheitspolitik erworben. Interessanterweise ging diese Entwicklung sehr stark über die Bereiche der Suchtmedizin und –therapie und Psychiatrie, also Handlungsfelder, welche bedingt durch ihren starken ordnungspolitischen Hintergrund lange Zeit als besonders autoritär und rigide galten.

 

Eine der zentralen Aufgaben im Recovery (Genesungs-) Prozess ist die Förderung einer positiven Identität, welche über die Pflege guter Beziehungen und dem damit verbundenen Erleben konstruktiver positiver sozialer Rollen entwickelt werden kann. Dieser Prozess steht unter dem Motto: „Ich bin mehr als meine Teil-Identität als chronisch Kranker“.

 

Bei all diesen Entwicklungsaufgaben spielen Professionisten der Suchthilfe eine begleitende und die individuelle Resilienz unterstützende Rolle, insbesondere die der „Holders of Hope“.

Im Rahmen des Vortrags wird die Hypothese diskutiert, dass viele “notorische“ selbst- und fremddestruktive Verhaltensweisen bei Drogenkranken als Teil einer mehrfach determinierten „negativen“ Identität, welche für das Individuum jedoch überlebenswichtig geworden sind, verstanden werden kann.

Viele Behandlungsprogramme sehen sich in einem Konflikt zwischen paternalistischen Ordnungszwängen einerseits und dem Auftrag zur Förderung von Autonomie und Verantwortungsübernahme andererseits, was zwangsläufig für alle Beteiligten verwirrende double-bind Konstellationen schafft.

Genesungsprozesse beginnen auch in den Strukturen der betreuenden/begleitenden  Institutionen als Gegenüber der Betroffenen, daher wäre der erste Schritt zu prüfen, ob wir schon so weit sind, potenziell einengende  Situationen und Dynamiken in der Beziehung zu unseren  KlientInnen/PatientInnen  in tatsächlich therapeutische Situationen umzuwandeln, in denen tatsächlich positive Identität im Sinne von Autonomie, positiven Selbstvorstellungen und partizipativem Handlungsspielraum entwickelt werden kann.

Martin Kurz zum Nachlesen

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Martin Kurz zum Nachhören

Impulsreferat zum Thema "Das geglückte Leben. Identitätsentwicklung im Recovery-Prozess"

Dauer: 33:34

Impulsreferat

 

Drin Christel LüdeckeSucht-Bindung-Trauma.

Der Zusammenhang zwischen Bindungstraumatisierungen und Suchtentwicklung

Fast zwei Drittel der SuchtpatientInnen mit schwerem Verlauf haben, bedingt durch Bindungstraumatisierungen in den ersten Lebensjahren, Defizite in ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Sie begeben sich in abhängige Beziehungen, in denen sie nicht selten erneut traumatisiert werden, sie haben mangelnde Selbstfürsorge, leiden an Störungen der Stress- und Emotionsregulation und können nicht allein sein. Diese Defizite bestimmen wiederum den Verlauf der Suchterkrankung. Ausgelöst durch frühe Traumatisierungen und Vernachlässigungen haben diese PatientInnen ein psychophysiologisches Defizit. Ein Grund hierfür ist die unzureichende Ausreifung des inneren psychischen Binnenraums und der Ich-Funktionen. Betroffene sind emotional vulnerabel und haben mangelhaft ausgebildete Bewältigungsstrategien. Alkohol- oder Drogenkonsum beginnt als ein teilweise erfolgreicher Versuch, schmerzvolle oder schwer erträgliche emotionale Zustände zu lindern. Der Substanzkonsum kann so für Betroffene eine zentrale Funktion in der Sicherung elementarer Grundbedürfnisse einnehmen und als dysfunktionaler Versuch der Alltags- und Lebensbewältigung angesehen werden. Um eine Suchtbehandlung möglichst effektiv zu gestalten, ist es deshalb notwendig Traumafolgestörungen bei Menschen, die sich im Suchthilfesystem vorstellen, mit zu erfassen. Es kann dann eine Behandlung eingeleitet werden, die sowohl die Suchterkrankung wie auch die Traumafolgestörungen berücksichtigt. Eine Substitutionsbehandlung kann neben der Suchtbehandlung auch eine effektive Therapie in Bezug auf Bindungstraumatisierungen sein.

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Christel Lüdecke zum Nachhören

Impulsreferat zum Thema Sucht-Bindung-Trauma. Der Zusammenhang zwischen Bindungstraumatisierungen und Suchtentwicklung

Dauer: 36:40

Abschluss am 2. Tag

Mag. Peter Ulrich

„ich schlaraffe die wolke zum kuckuck heim - weil das glück ist mein vögelein“

ich stehe auf den brettern, die die welt bedeuten. Und wenn ich eines davon vor dem kopf hab, was seh ich dann? Noch mehr welt.

Entschuldige, wenn ich dich manchmal nicht seh. die welt liegt zwischen uns.

Wenn du mir das brett wegnimmst, schau ich auf dein brett und bitte dich, mir

meins wieder zu geben. Weil, was willst du damit? Du hast ja dein eigenes.

Wenn wir gemeinsam über unsere bretter brettern, dann lachen wir uns die welt

kugelrund und das leben glücklich bis zum nimmerleinstag.

Wer mag, der trag seinen bretterverschlag vor sich her und der hat damit die

hütte immer dabei, zum wohnen, begästen und lieben – bis zum abwinken...