Obdachlosigkeit in Österreich

Über Obdachlosigkeit in Österreich gibt es viel Ungewissheit und viele Gerüchte. Wie viele Menschen sind wirklich obdachlos, wie viele sind wohnungslos, und was bedeutet das eigentlich? Wir haben recherchiert, wie es besonders in der Steiermark und in Graz aussieht. Wir zeigen, wie Obdachlose leben, wer sie sind und wie wir ihnen als Caritas Steiermark helfen.

Definition: Welche Arten von Obdachlosigkeit gibt es?

Obdachlos ist nicht gleich obdachlos. Viele Menschen ohne eigene Wohnung kommen kurzfristig bei Freunden oder Verwandten unter. Viele werden bereits in Einrichtungen betreut und untergebracht. Deshalb sollten Sie zwischen obdachlos, wohnungslos, ungenügendem und ungesichertem Wohnen unterscheiden.

Wie viele Menschen sind in Österreich wohnungslos?

Die BAWO (Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe) veröffentlichte im Jahr 2008 eine umfangreiche Erhebung über die Situation von Wohnungsnotfällen in Österreich. Diese ist derzeit der einzige Überblick über die Zahlen der von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen in Österreich. Sie verzeichnete im Jahr 2006 mehr als 37.000 KlientInnen in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe (vgl. BAWO 2009, S.5).

 

Höhere Dunkelziffer

Personen, welche vorübergehend bei Bekannten unterkamen oder auf der Straße oder in Abbruchshäusern lebten, konnten nicht in die Studie aufgenommen werden. Die Dunkelziffer erweist sich dementsprechend als erheblich höher.

  • Quelle: die einzig umfangreiche Erhebung über die Situation von Wohnungsnotfällen in Österreich der BAWO aus dem Jahr 2009

    Quelle: die einzig umfangreiche Erhebung über die Situation von Wohnungsnotfällen in Österreich der BAWO aus dem Jahr 2009

  • Quelle: 1. Grazer Armutsbericht, 2010

    Quelle: 1. Grazer Armutsbericht, 2010

  • Quelle: 1. Grazer Armutsbericht, 2010, und Übertragung der Zahlen von Salzburg auf Graz (Ohmacht & Schoibl, 2004)

    Quelle: 1. Grazer Armutsbericht, 2010, und Übertragung der Zahlen von Salzburg auf Graz (Ohmacht & Schoibl, 2004)

Grazer Armutsbericht

Im ersten Grazer Armutsbericht wurde die Zahl der Menschen in Übergangswohnungen, Wohnheimen und Notschlafstellen der Landeshauptstadt auf 800-900 geschätzt, wobei die Zahl der Straßenobdachlosen mit 70 Personen angenommen wurde (vgl. Paierl/Stoppacher 2010, S.67).

 

Schätzungen der Zahl der Obdachlosen durch Übertragung von Salzburg auf Graz

Ohmacht und Schoibl, die versucht haben eine Stichprobe von Salzburg auf Graz zu übertragen, kamen ebenfalls zum Entschluss, dass 70 Personen in Graz direkt auf der Straße leben und rund 270 Personen bei Freunden und Bekannten in versteckter Wohnungslosigkeit unterkommen. Wobei nach dieser Stichprobenübertragung zusätzlich 140 Personen in Haft und somit ohne eigenen Wohnraum sein müssten und schätzungsweise 80 Personen in Pensionen wohnen würden (vgl. Ohmacht/Schoibl et. al 2004, S.9).

Wie werden Menschen obdachlos?

Obdachlosigkeit hat viele verschiedene gesellschaftliche, wirtschaftliche und psychosoziale Gründe.

Es gibt nicht nur einen Weg in die Wohnungslosigkeit. Zumeist treffen vielerlei negative Umstände aufeinander:

  • Armut
  • Verschuldung
  • Scheidungen/Trennungen
  • Verlust des Arbeitsplatzes
  • Suchtprobleme
  • Krankheit
  • Schlechtes familiäres Umfeld
  • Entlassung aus einem langfristigen stationären Aufenthalt
  • Haftentlassung

Dieser Kreislauf kann mit jedem dieser Faktoren seinen Anfang nehmen, da selbstverständlich all diese Gegebenheiten Einfluss auf die übrigen haben.

Jede Situation kann die nächste bedingen.

Bei keinem Wohnungslosen tritt ein soziales Problem allein auf. Mehrfachproblematiken sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Wie wird man wohnungslos?

Jakob Wittmann, Bewohner der Arche 38 der Caritas, erzählt, wie er wohnungslos wurde.

Wie leben Obdach- und Wohnungslose?

Eine Wohnung bietet gewisse Faktoren, die für die meisten Menschen selbstverständlich und auch notwendig für ein angenehmes Leben sind:

  • Privatsphäre
  • Intimität
  • physischen und psychischen Schutz
  • Vertrautheit
  • Regeneration
  • Selbstverwirklichung

Ein Leben ohne Wohnung kann verheerende Folgen auf die betroffene Person haben. Obdachlose werden sozial ausgegrenzt und können in einen Zustand der Hoffnungslosigkeit verfallen. Viele verlieren den Arbeitsplatz und müssen sich Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Schlafplätze erkämpfen. Auch Sucht-Erkrankungen spielen als Auslöser und als Effekt der Wohnungslosigkeit eine große Rolle. Im schlimmsten Fall verfällt die betroffene Person in eine vollständige Verwahrlosung.

Keine Arbeit ohne Wohnung, keine Wohnung ohne Arbeit - ein ewiger Teufelskreis

Durch finanzielle Armut sind Wohnungslose auf Hilfe angewiesen. Scham oder vorherrschende Stigmatisierungen führen zu einem Rückzug aus dem öffentlichen Leben. Das hat auch den Verlust sozialer Kontakte und Einsamkeit zur Folge.

Die Betroffenen sind dadurch auf staatliche oder karitative Unterstützung angewiesen. Die Stereotypen als "Asoziale, die ihr Geld vertrinken", wirken sich dazu auf die Chancen auf dem Arbeits-  bzw. Wohnungsmarkt negativ aus  –  Betroffene drehen sich somit im Kreis. Die materielle und finanzielle Notlage versetzt sie in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Sozialstellen.

Stadt vs. Land - Warum gibt es Obdachlosigkeit häufiger in Städten?

In Wien beträgt die Armutsgefährdung im Jahr 2008 (nach Sozialleistungen) 17%, bei Städten über 100.000 Einwohner 16%, bei Gemeinden von 10.000 bis 100.000 Einwohner 12% und bei Kleingemeinden unter 10.000 Einwohner bei 10%.

 

Anonymität und Schutz in Städten

Städte bieten Anonymität und Schutz vor unmittelbarer sozialer Ächtung. Viele verbinden mit der Stadt Hoffnungen auf bessere Chancen bzw. auf einen Neuanfang oder versuchen einfach, der Stigmatisierung und sozialen Ausgrenzung am Land zu entgehen.

Durch die verstrickte Dorfgemeinschaft nehmen Menschen die angebotene Hilfe, beispielsweise von Pfarren, nicht in Anspruch. Die Angst vor der Stigmatisierung der kleinen Gemeinden, die in vielen Fällen unter sich verweilen, verhindert die Inanspruchnahme von Hilfestellungen.

Straße vs. Obdachlosenheim – Warum nehmen viele keine Einrichtungen in Anspruch?

  • Keinerlei Privatsphäre in den Heimen durch Mehrbettzimmer
  • Kulturelle Hürden
  • Einschränkungen durch Hausregeln wie beispielsweise Alkoholverbot
  • Ständige Konflikte durch Alkoholprobleme der Mitbewohner
  • Angst vor vielen Menschen, soziale Phobie

Frauen und Obdachlosigkeit

Die Leiterin des Haus Elisabeth, Maria Freidl, sitzt an der Bettkante einer Klientin in der Notschlafstelle.

Bei Frauen verläuft die Wohnungslosigkeit zumeist im Verborgenen, da sie durch verschiedene Strategien versuchen sich einer professionellen Hilfeleistung zu entziehen. Frauen begeben sich oftmals in Zweckbeziehungen mit Männern, die ihnen eine gewisse Basisversorgung gewähren. Diese Beziehungen sind nicht selten mit Gewalterfahrungen und Prostitution der Betroffenen verbunden.

 

Frauen halten Beziehungen aufrecht

Wohnungslosen Frauen gelingt es offensichtlich eher, soziale bzw. familiäre Beziehungen aufrecht zu erhalten, während Männer dazu neigen, sich eher zurück zu ziehen oder sogar Beziehungen – aus Scham – von sich aus abzubrechen. Andererseits neigen Frauen häufiger dazu, „alternative Wohnmöglichkeiten“ der Unterbringung in einer Einrichtung vorzuziehen – häufig auch um den Preis erneuter Abhängigkeiten und Ausbeutung.

 

Wie die Caritas wohnungslosen Frauen hilft

Durch die spezifischen Bedürfnisse und der zusätzlichen Problematiken, denen obdachlose Frauen ausgesetzt sind, ist in solchen Fällen eine Unterbringung facheinschlägigen Einrichtungen notwendig und wichtig. Die Caritas bietet hierfür eigene Übernachtungsmöglichkeiten und Tageszentren an. Den Frauen wird weibliches Fachpersonal, welches sie in sämtlichen Angelegenheiten unterstützt und begleitet, zur Seite gestellt.

Jugendliche und Obdachlosigkeit

Jugendliche sitzen auf Sofas und sprechen miteinander.

Der Großteil der betroffenen Jugendlichen drängen einschneidende Erlebnisse innerhalb der Familie zum Leben auf der Straße. Häufig spielt hierbei der Drogen-  und Alkoholkonsum der Eltern und die damit verbundene psychische und physische Gewalt eine wesentliche Rolle. Die vielschichten Faktoren für die Obdachlosigkeit bei Jugendlichen beeinflussen sich gegenseitig.

 

Armut als häufigster Auslöser

Obdachlose Jugendliche stammen nicht nur aus sozial schwachen Familien, jedoch ist Armut oft der auslösende Faktor. In Kombination mit unzureichendem Wohnraum wird das Konfliktpotential zunehmen ernster. Bei bürgerlichen Schichten ist physische und psychische Gewalt der Hauptfaktor.

Das Schlupfhaus

Jugend-Notschlafstelle in Graz

Die Notschlafstelle bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine einfach zugängliche Soforthilfe an. Diese umfasst ein Bett, Essen, Dusche, Waschmaschine, Telefon, Internet, Aufbewahrungsmöglichkeit und bietet somit die Möglichkeit einer "Verschnaufpause".

Unterschiedliche Reaktion bei Mädchen und Jungen

Jugendliche in ärmlichen Verhältnissen gehen unterschiedlich mit Problemen um, wenn es beispielsweise um familiäre Konflikte oder zu beengende Wohnverhältnisse geht. Mädchen stellen sich der materiell beengten Situation und gelangen dadurch früher zur Erwerbstätigkeit. Jungen weichen hingegen aus und begeben sich in Cliquen, um durch Handel und Kleinkriminalität Geld zu beschaffen.

 

Keine Straßenkinder

Das Leben der Jugendlichen ist besonders durch die Stigmatisierung bestimmt und setzt sich im weiteren Lebensverlauf fort. Durch die eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten brechen sie das Gesetz und greifen zu illegalen Mitteln. Mit dem Begriff Straßenkinder sollte vorsichtig umgegangen werden, denn die Problematik bezieht sich in Österreich und Deutschland auf junge Erwachsene.