3. Studientage - Komplexe Suchtarbeit

Workshops

Workshop 1

Privatdozent Univ.-Prof. Dr. Dr. Alfried Längle

Mich bewegt, was dich bewegt. Die phänomenologische Schule des Schauens.

Das Seminar ist eine Fortführung des Impulsreferats im Sinne seiner praktischen Anwendung. Dennes stellt sich die Frage: Wie kann der Blick für das tiefe Sehen geschult werden? Ausgangspunkt imSeminar ist die angeborene Fähigkeit für diese Tiefenschau. Es werden die Voraussetzungenbesprochen und geübt um diese phänomenologische Haltung auszubauen. Sie ist vom Lassenbestimmt; und sie braucht einen guten Zugang zu sich selbst. Gerade dadurch üben wir, das Lebenund uns selbst besser zu verstehen. Für jede Psychotherapie, die der Person und dem Verstehen denVorrang gibt, ist Phänomenologie eine unverzichtbare Haltung, um den Arbeitsprozess zu verdichtenund den Menschen an eine wesentliche Existenz heranzuführen.

Workshop 2

Marie-Paule Renaud

Tango und Therapie. Das Gehen ist wie ein Röntgenbild der Psyche.

Das Leben ist wie eine Bühne, auf der sich unser Miteinander in vielfältigen Rollen inszeniert. DerTango Argentino bietet eine Fülle von Möglichkeiten, Nähe, Distanz, Führen und Folgen, Konkurrenz,Abschied und die damit verbundenen Gefühle in ihrer Vielschichtigkeit symbolisch darzustellen.Anhand einfacher Elemente aus dem Tango Argentino erfahren wir die leibliche Dimension vonBegegnung, Beziehung und Bindung. Im Tango reinszenieren sich unsere Beziehungs- undKommunikationsmuster. Ziel ist, sich in der Selbsterfahrung spielerisch damit auseinander zusetzen,wie wir Begegnungen und Beziehungen eingehen, aufrechterhalten und lösen. Auch der "aufrechteGang" spielt im Tango Argentino eine zentrale Rolle. Indem wir ihn und andere Elemente aus demTango Argentino üben, begeben wir uns auf die Suche nach einer aufrechten und befreiten Haltung inder Begegnung miteinander und mit uns selbst.

Workshop 3

Dr.in Claudia Müller-Ebeling, Dr. Christian Rätsch

Schamanische Bewegungen. Die Rolle des Rausches im Schamanismus verschiedener Kulturen.

Schamanismus ist keine Religion, sondern eine Technologie, die mit veränderten Bewusstseinszuständengezielt umgeht. Schamanen verschiedenster Ethnien beherrschen Verfahren zur Bewusstseinsveränderung.Manche sind pharmakologisch durch Einnahme psychoaktiver Zubereitungenbedingt. Andere werden nonpharmakologisch durch Fasten oder körperliche Praktiken erreicht. DerSchamane vermag gemäß seiner Techniken seinen eigenen Bewusstseinszustand oder den eineranderen Person dahingehend zu verändern und zu steuern, dass der bewegte Geist vertieft sehenkann. So kann der Patient in dem vom Schamanen ausgelösten Bewusstseinszustand die Ursachenseiner eigenen Krankheit, seines Leidens oder seiner Unentschlossenheit erkennen und dadurchverändern oder beheben. Ein vom Schamanen geistbewegter Suchtpatient etwa kann selbständig dieUrsachen seiner Suchterkrankung erkennen und somit zu seiner Genesung beitragen.

Workshop 4 & 9

Hermann Ludwig

Einführungsworkshop - Kampfkunst und Therapie.

Fernöstliche Kampfkünste (Budo) werden schon seit ca. 40 Jahren in der Therapie erfolgreich eingesetzt. Im Budo entwickelt man Kämpferqualitäten: Selbstbehauptung, Willenskraft, Durchhaltefähigkeit,und zugleich die Kompetenz, sich auch in schwierigen Situationen zu kontrollieren.Fähigkeiten, die auch in der Therapie Suchtkranker entwickelt werden müssen. Darüber hinaus ist der"Wegcharakter der menschlichen Erfahrung" (Petzold, Orth 2005) zentral, die Notwendigkeit eineslebenslangen Lernens und Entwickelns. Das beständige Einschleifen und Verbessern von Bewegungsabläufen,die Förderung eines kontrollierten emotionalen Ausdrucks und das regelmäßigeTraining sind hier wesentliche Aspekte.Der Workshop will einen ersten Einblick in die Budotherapie geben. Angesprochen werden dieThemenbereiche: aufrechte Haltung, Kampf, Stille und Kata, die stilisierte Form des Kampfes.

Workshop 5

Prim. ao. Univ.-Prof. Dr. Martin Kurz

Was hat sich in der Suchtmedizin bewegt? Wohin soll sie sich bewegen?

Der Terminus "Suchtmedizin" deutet auf die in den letzten Jahren verstärkte Einbeziehung
medizinischer Versorgungsstrukturen in die Suchthilfe hin. Die Psychiatrie definiert Suchtkrankheit als
chronisch rezidivierende psychische Erkrankung, aber ist sie mit ihren vorhandenen Angeboten den
PatientInnen und der Suchthilfe tatsächlich ein hilfreicher Partner? Ist sie ausreichend beweglich und
in Richtung der Lebenswelten Suchtkranker orientiert oder fordert sie immer noch, dass man in ihre
Strukturen eintreten möge, bevor sie tätig werden kann? Im Rahmen des Workshops sollen die
Entwicklungen der letzten Jahre resümiert und zukünftig anstehende individuumszentrierte,
interdisziplinäre Strukturentwicklungen entworfen und mit den Teilnehmern diskutiert werden.
Besonderes Augenmerk soll dabei auf die Rolle der Psychiatrie gelegt werden, um den zahlreichen
komorbiden Störungen bei einem großen Anteil von Suchtkranken gerecht zu werden.

Workshop 6

Manju Waltraud Pöllmann

Berauschender Tanz. Durch BIODANZA in den Rausch und wieder heraus.

Biodanza aktiviert wie viele andere Bewegungsformen die körpereigenen Drogen. Das Besondere an
Biodanza ist die Integration dieser Rauschzustände in den Alltag. Durch laufende Übung gelingt es,
sich zu berauschen und die Vorzüge der glückseligen Trunkenheit in unserem Alltag zu leben.
Biodanza bringt unser vegetatives Nervensystem wieder in Balance und sorgt so für einen Ausgleich
von Körper und Geist. Statt zu suchen finden wir Befriedigung in unserem Herzen, Körper und Geist.
Die Gestalt von Wunsch, Gefühl und Ausdruck wird geschlossen und durch zahlreiche Tänze allein, zu
zweit und in der ganzen Gruppe ausgedrückt. So werden Wünsche erfüllt bzw. die Fähigkeit erlernt,
erwachsen mit der aufkommenden Frustration bei nicht erfüllten Wünschen umzugehen.

Workshop 7

Cristina Beltran, Elena Sala

CAS Baluard und Unidad Mobil. Schadensminderung - eine Strategie des öffentlichen Gesundheitswesens.

Die CAS Baluard (Zentrum zur Behandlung und Erforschung der Drogenabhängigkeit) ist ein Paradebeispielgelungener niederschwelliger Drogenarbeit anhand derer sich den TeilnehmerInnen desWorkshops die pragmatische Philosophie der Schadensminderung erschließen wird. Das inAndalusien praktizierte Vorgehen wurde aus der Analyse der historischen Entwicklung desSubstanzkonsums und dessen Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit abgeleitet und hat zurAnerkennung schadensreduzierender Angebote, wie Substitution und Spritzentausch, als Teil derBehandlungskette geführt. Ein weiteres Behandlungsprinzip der CAS Baluard zielt auf die Förderungsozialer Integration ab, indem zur respektvollen Nutzung öffentlicher Räume animiert wird. DieseFörderung des Miteinanders von Anrainern und drogenabhängigen Menschen ist notwendig umschadensminimierende Angebote wie etwa den mobile Konsumraum Unidad Mobil zu ermöglichen.Zudem bietet sich dadurch suchtkranken Menschen und "gesunden" Mitmenschen die Möglichkeit,ihre wechselseitige Bezogenheit in der Genese und Heilung dieser Erkrankung zu erkennen.

Workshop 8

Univ.-Prof. Dr. Dr. Dr. Hilarion G. Petzold

Integrative und differentielle Supervision.
Prozess-/Fallbesprechungen aus der Praxis für die Praxis.

In diesem Workshop können TeilnehmerInnen Behandlungsprozesse vorstellen, mit dem Referentenanalysieren und bearbeiten. Dabei wird der Fokus auf folgende Aspekte gelegt: 1.PatientInnenvariable, 2. TherapeutInnenvariable, 3. Beziehungsvariable, 4. Kontextvariable, 5.Strategie- und Methodikvariable. Besonders schwierige Prozesse (Doppel-/Mehrfachdiagnosen,Family Dynamics, Migrationshintergrund etc.) profitieren von solchen erlebnisaktivierendenSupervisionen, die auch exemplarisch Theorie-Praxis-Wissen vermitteln. Der Einbezug von nonverbalenMikronanalysen und Rollenmodellierungen macht die Erfahrung auch für die Gesamtgruppeinstruktiv und erlaubt einen guten Praxistransfer.Die TeilnehmerInnen werden gebeten, für diesen Workshop entsprechende Materialien aus ihrerBehandlungspraxis vorzubereiten, so dass diese im Supervisionsprozess bearbeitet werden können.

Workshop 10

Christa Gersdorf, Farouk Bouachba

Wiedergewinn der Sinnlichkeit.

Unsere fünf Sinne sind die primären Erfahrungskanäle unseres Bewusstseins. Aber nicht nur das: Sie sind auch die Grundlagen unserer Genussfähigkeit, unseres Wohlbefindens und unserer Lebensfreude.Ein Verlust der Sinnlichkeit - sei es durch Krankheit oder Trauma-Erlebnisse - hat stets aucheinen Verlust an Körperlichkeit zur Folge. Hier liegt die therapeutische Herausforderung: Den Verlustder Sinnlichkeit ebenso wie den der Körperlichkeit behutsam rückgängig zu machen und damit Erlebnisfähigkeit, Selbstkompetenz und Alltagstauglichkeit wiederherzustellen. Der Weg zu diesem Ziel führt über die Haut, dem Wohlfühlorgan erster Ordnung. Wir wollen diebehutsame, konkrete Berührung in unser therapeutisches Instrumentarium aufnehmen und damit verschüttete Erlebnispotenziale fruchtbar machen. Damit stellen wir die für ein selbstbestimmtes Leben unabdingbare Normalität wieder her. In unserem therapeutischen Konzept sind individuelle Berührungstoleranz und persönliche Selbstbestimmung absolute Werte.

Workshop 11

Prof. Dr. Heino Stöver

Wirkfaktoren der niederschwelligen Suchtarbeit.

Nicht erst in Zeiten knapper Kassen der Kommunen wird die Frage nach der Wirksamkeit einer Interventionsform gestellt. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass die Wirkfaktoren der niederschwelligen Suchtarbeit wenig erforscht worden sind. Im Workshop sollen die vorhandenen wissenschaftlichen Ergebnisse präsentiert und praktische Erfahrungen aus der niederschwelligen Suchtarbeit ausgetauscht und diskutiert werden.