3. Studientage - Komplexe Suchtarbeit

Impulsreferate

Impulsreferat 1

Univ.-Prof. Dr. Dr. Dr. Hilarion G. Petzold

Heilende Bewegung in der Suchtarbeit.
Leben ist Bewegung und Bewegung ist Leben.

Diese alte Weisheit der Bewegungslehre erweist Ihre Richtigkeit besonders in der Arbeit mit Suchtkranken,die ihren Leib und damit ihr Leben und ihre Gesundheit durch exzessiven Konsum unddestruktive Lebensführung verbrauchen, verschleißen, ruinieren. Das klingt hart, aber alledynamischen Regulationsvorgänge des Organismus sind hier betroffen. Und genau deshalb gilt es,therapeutisch auch bei der Bewegung anzusetzen: Spezifische "Integrative Lauf- undAusdauertherapie" und psychophysisches Bewegungstraining stärken den Konditionsaufbau, diephysiologische Regulation und dienen dem Willenstraining - so wesentlich bei Suchtkranken.Potentiale zur Kooperation werden durch spiegelneuronengestützte Bewegungssynchronisierungenin Gruppen gefördert und positive Emotionen durch gezielte "emotionale Ansteckung" erreicht.

Impulsreferat 2

Privatdozent Univ.-Prof. Dr. Dr. Alfried Längle

Das Bewegende spüren.
Offenheit und Verstehen - der phänomenologische Zugang zur Person.

Im Alltag ist unsere Wahrnehmung vor allem mit den praktischen Dingen beschäftigt, und wir schauennicht tiefer als auf das, was es zu tun gilt. Für die Gestaltung des eigenen Lebens genügt dieser Blicknicht. Er macht unzufrieden. Es ist ein tieferes Sehen unerlässlich, um nicht am Schein und an derOberfläche hängen zu bleiben. Wir wollen das Wesentliche in der jeweiligen Lebenssituation sehen.Wir möchten verstehen, worum es wirklich geht. Jeder Mensch hat dazu eine Veranlagung. DieseVeranlagung ist eine personale Kraft im Menschen, dank derer er sein Leben erfüllend gestalten kann,weil mit ihr das eigene Wesen zum Einsatz kommt. Eine erfolgreiche Therapie/Beratung kommt ohnediesen Blick für das Wesentliche nicht aus. So können wir den Menschen helfen, wesentlich zu leben.Dazu werden im Vortrag Grundlagen und Einsichten geschaffen. Sie sollen helfen, die eigeneFähigkeit zum Sehen des Wesentlichen einzusetzen. Das Ergebnis dieses Schauens desWesentlichen ist das Verstehen - das Sehen dessen, was den Menschen bewegt. Auf dieser Basiskann der andere Mensch vermehrt in die ihm gebotene Hilfestellung mit einbezogen werden.

Impulsreferat 3

Farouk Bouachba

Stress-Physiologie im Vorfeld der Suchterkrankung.
Störungen der Stress-Physiologie und Möglichkeiten der Regulation.

Dieser Vortrag handelt nicht von einem Paradigma-Wechsel, sondern soll die Aufmerksamkeit aufeinen Teilaspekt lenken, welcher im therapeutischen Spektrum oft nicht ausreichend berücksichtigtwird. Es geht um die Beeinflussung der dysfunktionalen Stressphysiologie.Bei Traumata - ob akuter oder chronischer Art - verändert sich die Stressphysiologie dramatisch inFolge einer nicht kontrollierbaren Aktivierung der HPA-Achse*. Die innere Anspannung steigt, dasneuroendokrine System ist gestört - vegetative Symptome und dysfunktionales Verhalten sind dieFolgen. Hierbei verändern sich Bindegewebe, Fascien und Fluida im Körper und verhindern einnormales Funktionieren der Basiselemente zur Bewältigung des Alltags.

Impulsreferat 4

Marie Nougier

Shifting debates in drug policy reform / Neue Zugänge zur Reform der Drogenpolitk.

2012 jährte sich der Beginn der international koordinierten Überwachung des Drogenhandels zumhundertsten mal. Dieses Jubiläum der Haager Opium Konvention lud dazu ein das gegenwärtigeDrogenkontrollprogramm einer Revision zu unterziehen und auf seine Auswirkungen hin zuüberprüfen. Das Resultat spricht eine eindeutige Sprache – das auf UN-Konventionen basierendeDrogenkontrollprogramm hat zu keiner Einschränkung des illegalen Drogenhandels geführt, imGegenzug aber die Gesundheit und die Sicherheit der betroffenen Bevölkerungsschichten negativbeeinflusst und deren soziale Ausgrenzung forciert. In letzter Zeit sind daher einige Entscheidungsträgerfür eine Reform des gängigen Drogenkontrollprogrammes eingetreten, was z.B. zur Gründungder Global Commission on Drug Policy und der Global Commission on HIV and the Law geführt hat.Auf nationaler Ebene sind einige Regierungen noch einen Schritt weiter gegangen, haben innovativeDrogenpolitik adaptiert und damit sehr effektiv Schadensminderung betrieben.

Videopräsentation

Cristina Beltran, Elena Sala

Unidad-Mobil.
Ein mobiler Drogenkonsumraum in Barcelona (Spanien).

Drogenabhängige Menschen haben meist nur bedingt Zugang zu sozialen Netzwerken und den Diensten des Gesundheitswesens. Der niederschwelligen Suchtarbeit ist es daher ein großesAnliegen, drogenabhängige Menschen in der Kontaktaufnahme mit diesen versorgenden Strukturenzu unterstützen und Schadensminderung zu betreiben.Mobile Drogenkonsumräume sind eine pragmatische Methode um die Gefahren des intravenösenKonsums zu reduzieren und drogenabhängige Menschen im öffentlichen Raum zu erreichen.Im Videobeitrag wird ein mobiler Konsumraum in Barcelona vorgestellt.

Impulsreferat 5

Prof. Dr. Heino Stöver

Bewegte Suchtarbeit.
Gesellschaftliche Strömungen und ihre Auswirkungen auf die Suchtkrankenhilfe.

Die Suchtkranken-/Gefährdetenhilfe hat sich in den letzten 40 Jahren massiv verändert. Einhergehend mit den gesellschaftlichen Veränderungen werden auch abhängige Menschen heute vielstärker als autonome, entscheidungsfähige Individuen betrachtet. (Selbst-)kontrolle, Empowerment,Informations- und Edukationsprogramme rücken dabei mehr und mehr in den Vordergrund. Lediglichdie rechtliche Bewertung des Konsums illegaler Substanzen hinkt noch nach: In einer anachronistischpaternalistischen Weise entscheidet der Staat über Gut und Böse. Ein Umstand den die Suchtkrankenhilfe immer noch zu wenig reflektiert. Das Impulsreferat soll eine Zusammenschau dieserwesentlichen gesellschaftlichen Strömungen ermöglichen.