4. Studientage - Komplexe Suchtarbeit

Workshops

Workshop 1

Dr.in med. Dr.in phil. Andrea Moldzio, MBA

Verletzte Leiblichkeit.

Nach einem kurzen theoretischen Überblick über die besonders für die therapeutische Arbeit hilfreiche „Phänomenologie der Leiblichkeit“ des Kieler Philosophen Hermann Schmitz, sollen Aspekte der verletzten Leiblichkeit und ihr Zusammenspiel mit unseren Emotionen und Kognitionen beleuchtet werden. Insbesondere werden wir therapeutische Möglichkeiten kennenlernen und im Seminar gemeinsam entwickeln, wo die Berücksichtigung leiblicher Phänomene für den Umgang und die Behandlung von Suchtkranken konkret hilfreich sein kann. Und zwar besonders dann, wenn kognitive und/oder emotionale Zugänge nicht mehr weiter führen. 

Workshop 2

Dr. in med. Sonja Laure

Trauma, Sucht und Bindung – Hilfreiche Strategien bei Traumafolgestörungen.

Alkohol, Drogen, Computerspiele, Spielautomaten, Einkaufen, Arbeit, Beziehungen – viele Substanzen und Lebensbereiche können Menschen süchtig machen.

Oftmals beginnt die Sucht damit, dass großer Stress, wie er etwa durch psychisch schwierige Entwicklungsbedingungen, traumatische Erfahrungen, unlösbare Konfliktsituationen entstehen kann, versuchsweise durch das Suchtmittel - statt durch eine Bindungsperson - zu reduzieren gesucht wird. Meistens tritt eine kurzfristige und rasche Entspannung ein. Wenn der Stress bestehen bleibt oder sich chronifiziert, wird das Suchtmittel immer öfters anstelle einer Bindungsperson benutzt und es entsteht eine Abhängigkeit. Ist das Suchtmittel erst einmal zur besten „Bindungsperson“ geworden, wird die Therapie entsprechend schwierig.

Der Workshop zeichnet in der Zusammenschau von Entwicklungstheorie, Bindungstheorie und Psychotraumatologie ein Bild von den Ursachen und dem Wesen der Suchterkrankung und zeigt mögliche Genesungswege auf.

Am Nachmittag werden an Behandlungsbeispielen Möglichkeiten aufgezeigt, wie ein bindungsbasierter und traumafokussierter Zugang zu suchtmittelabhängigen PatientInnen gefunden werden kann. Dies geschieht, indem die TherapeutInnen durch die Entwicklung einer sicheren therapeutischen Bindung den PatientInnen – oft zum ersten Mal – ein Gefühl von emotionaler Sicherheit vermitteln können. Auf diese Weise kann es den PatientInnen gelingen, auf ihr Suchtmittel zu verzichten und sich mit der Bearbeitung gemachter – oft traumatischer Erfahrungen – in der Therapie zu beschäftigen.

Die TeilnehmerInnen können eigene Behandlungen einbringen und diese unter den Aspekten von Bindung und Sucht besprechen. 

Workshop 3

David Gilmore

"Manchmal bin ich mir selbst fremd..." - Wie wir das Verbindende und das Trennende durch Spiel kennen und wertschätzen lernen.

Viele Menschen sind so damit beschäftigt den Anforderungen des Alltags zu genügen, dass sie nicht mehr merken wo es noch Freiräume und Spielräume gibt. Gefangen in eigenen und fremd bestimmten "Teufelskreisen" suchen sie andernorts diese Räume anstatt bei sich selbst. Menschen mit Suchterfahrung haben sich ein ganz besonderes Gefängnis gebaut, in dem sie angeblich die Kontrolle haben.
Der Weg des Narren und das Spiel des Clowns führen - für viele unerwartet - zu der Entdeckung von Spiel- und Freiräumen und von verborgenen Fähigkeiten. Sie führen auch zu mancher notwendigen Ent-Täuschung.

Dieses Seminar will den Fachkräften in der Suchtarbeit einen Perspektivenwechsel ermöglichen und neue Zugänge zum Bekannten wie auch zum Fremden eröffnen. Dabei wollen wir das Fremde aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und ausprobieren, wie sich Handlungsspielräume öffnen können wenn die Konfrontation mit dem Fremden/ Unheimlichen einengt. Ein Workshop mit theaterpädagogischem Zugang der den Weg des lebensfrohen Spiels in Form konkreter, praktischer Übungen vermitteln wird und zu wahren "Narrensprüngen" führen könnte.

 

 

Workshop 4

Dr. med. Adrian Kormann

20 Jahre diversifizierte Opioid-Verschreibung in der Schweiz – Entwicklung der Schadensminderung von der Überlebenshilfe zur komplexen medizinischen Regelversorgung.

Konfrontiert mit großen offenen Drogenszenen seit Ende der 1980er Jahre und vor dem Hintergrund der damals grassierenden HIV-Epidemie, fand in der Schweiz ein Umdenken in der Drogenpolitik statt, hin zu einem pragmatischen, auf Schadensminderung fokussierten Ansatz. Die lange bewährte Praxis der „4-Säulen-Politik“, bestehend aus Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression, wurde in der Revision des Betäubungsmittelgesetztes vom Schweizer Stimmvolk 2008 mit großer Mehrheit gutgeheißen bzw. bestätigt. Auch die seit 1994 bestehende heroingestützte Behandlung wurde damit endgültig in der medizinischen Grundversorgung verankert.

Pragmatismus, niederschwelliger Zugang und starke Diversifikation der Angebote sowie dezentrale Versorgung sind die Stärken des „Schweizer Modells“. Stand unter dem Begriff „Schadensminderung“ in den 80er und 90er Jahren die Überlebenshilfe und die Prävention im Vordergrund, zeigen sich heute aber noch ganz andere Herausforderungen: Das Klientel präsentiert sich in seinen therapeutischen Bedürfnissen heterogener als früher. Und die durchschnittlich älter werdenden Opioid-Abhängigen leiden an immer mehr körperlichen Erkrankungen. Psychische Störungen persistieren oder akzentuieren sich.

Die Suchtmedizin sieht sich dadurch mit medizinisch und auch ethisch immer komplexeren „Fällen“ konfrontiert. Eine Anpassung der zwar gelockerten, viele heutige Herausforderungen aber nicht berücksichtigenden rechtlichen Rahmenbedingungen, die künftige Finanzierung der kostenintensiveren Betreuung und der Ausbau geriatrischer Angebote für Abhängige stehen dringend an.

Im Workshop soll nach einer Bestandsaufnahme zum Ist-Zustand am Beispiel von Graz und Zürich ein Austausch über Haltungen, Ideen, Projekte und Maßnahmen erfolgen, welche uns die neuen Herausforderungen abverlangen. 

Workshop 5

Dr.in rer. medic. Dipl.-Psych. Nina Romanczuk-Seiferth

Neurobiologische Erkenntnisse und deren Relevanz für neue Therapieansätze. 

Der Workshop vertieft die Thematik einer neurobiologischen Perspektive auf Abhängigkeitserkrankungen und diskutiert gleichzeitig dessen Relevanz für motivationale Prozesse bei Patienten und Therapeuten sowie für neuere Therapieansätze. Im Fokus steht die Frage, inwieweit die aktuellen Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften auch sinnvoll zu einer Erweiterung der therapeutischen Perspektive auf Abhängigkeitserkrankungen beitragen können. Insbesondere die Bedeutung für die Vorstellung der Patienten von der Handlungssteuerung und der Veränderbarkeit der eigenen Erkrankung sind als wertvoller Therapiebaustein zu sehen. Praxisnah wird auf die therapeutische Arbeit mit Patienten eingegangen, die eine Integration der verschiedenen Sichtweisen in das individuelle Krankheits- und Therapiekonzept des Patienten zum Ziel hat.

Workshop 6

Univ.-Prof. Dr. med. Thomas Stompe

Transkulturelle (Sucht-)Kompetenz – Der Abbau von Zugangsbarrieren.

In den Suchthilfeeinrichtungen begegnen uns immer häufiger PatientInnen aus fremden kulturellen Herkünften. Wenn man Kultur als Orientierungssystem versteht wird klar, dass sich in verschiedenen Weltregionen verschiedene Orientierungssysteme etabliert haben müssen. Manche dieser Orientierungssysteme stehen unserer Kultur näher als andere die dann mit den uns gewohnten Verhaltensmustern kollidieren. Nicht selten führt das zu Überforderungs- und Stresssituationen bei den Angehörigen von Gesundheitsberufen. Globalisierung erfordert also transkulturelle (Sucht-)Kompetenz, d.h. die Fähigkeit Einzelner und ganzer Institutionen kulturelle Differenzen zu überbrücken.

Workshop 7

Mag.a Sandra Sternberg, Christoph Schomberg

Das Fremde im Sucher – Die Annäherung der Fotografie an das Fremde.

„Das Fremde in uns“ ist in der Geschichte der Photographie immer wieder Auslöser und Motivation für künstlerische Arbeit gewesen. PhotokünstlerInnen verschiedener Generationen sind der Spur des Fremden nachgegangen. Das Medium Photographie hat sich dabei als ideale Projektionsfläche für die Verarbeitung des „Fremden in uns“ erwiesen: Das Spannungsverhältnis zwischen Distanz und der Nähe zu den eigenen, ganz persönlichen Themen. PhotographInnen wie Nan Goldin (die ihre eigene Drogensucht und die ihrer FreundInnen immer wieder thematisiert hat), Sophie Calle oder auch Christian Boltanski haben gezeigt, wie die bildliche Auseinandersetzung mit dem Fremden in uns kreative Impulse setzt.

Wir werden uns im Workshop anfangs mit den genannten PhotographInnen und ihrem Zugang zum Fremden beschäftigen, um dann unseren eigenen Blick für das „Fremde in uns“ mittels angewandter Photographie zu vertiefen. Unser Workshop zeigt, wie das Medium zum besseren Verständnis des „Fremden“ in der täglichen Arbeit eingesetzt werden kann.

Workshop 8

Mag. Stefan Hrozny

Schamanische Wege aus der Entfremdung.

Menschen fühlen sich in unserer Gesellschaft zunehmend fremd und verloren: Ein rasanter, umfassender Wandel fegt wie ein Sturm über unseren Planeten und reißt seinerzeit Sinn und Halt spendende Elemente mit sich. Übrig bleiben vielfach Entwurzelte und Verzweifelte - allein mit ihrem Hunger nach Sinn, Geborgenheit und Zugehörigkeit.

Vor diesem Hintergrund hat Schamanismus, jene uralte Praxis, das Bewusstsein für Problemlösung und Heilzwecke ein zu setzten, in unserer westlichen Zivilisation mittlerweile kräftige Wurzeln geschlagen. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass schamanische Methoden auch in unserer Gesellschaft wirkungsvoll angewendet werden können, um jenseits von Ideologie und Dogma zu persönlicher, spiritueller Kraft und Gesundheit zu gelangen bzw. zu verhelfen und auf diesem Weg das Leben reicher, tiefer und freudvoller zu gestalten.

Neben einem kulturhistorischem Überblick werden die Aufgaben der Schamanen aufgezeigt, Methoden der Tranceerzeugung vermittelt, schamanische Helfer und Kraftobjekte vorgestellt und praktische Übungen mit Selbsterfahrungscharakter angeboten.

Workshop 9

Prof. Dr. rer. pol. Heino Stöver

Bevormundung oder Befähigung in der Drogen-Notfall-Prophylaxe?

Einerseits wird die Zahl der Drogentoten beklagt, andererseits wird die Sterberate oft als schicksalshaft wahr- und hingenommen. Dabei könnten die KlientInnen aktiv mit breitflächigen Hilfeangeboten wie Training und anschließender Verteilung von Naloxon-Kits an Betroffene, PartnerInnen, Angehörige etc. zur Drogen-Notfall-Prophylaxe befähigt werden.

Prof. Stöver hat diesbezüglich ein Forschungs- und Praxisprojekt in Frankfurt injiziert und wird im Workshop über die gewonnenen Erfahrungen berichten. Diskutiert werden sollen auch die dahinter steckenden Themen was wir "Profis" unseren KlientInnen tatsächlich zutrauen und warum wir ihnen vielleicht so manches absprechen. 

Workshop 10

Prim. ao. Univ.-Prof. Dr. med. Martin Kurz

Psychoanalyse der Abhängigkeitserkrankung –  Der psychoanalytische Blick auf die fremden Suchtkranken.

Die moderne psychoanalytische Krankheitslehre basiert auf entwicklungsbedingten Grundbedingungen wie die „phobische Konstitution des Ich“, die Schwäche des Ichs im Umgang mit inneren (affektiven) und äußeren Bedrohungen (Realität) und die daraus entstehenden Externalisierungstendenzen von Normen und Verantwortung (Wurmser). Die schädlich gebrauchte Substanz moduliert die innere und äußere Welt des Subjekts und hilft dadurch, auf einem zwar verfremdeten, aber stabilisierten Niveau zu funktionieren. Diese Abwehrform führt in mehrfacher Weise zu Entfremdungsphänomenen bei den Betroffenen und ihrer Umgebung.

Das suchtkranke Individuum erlebt den Kontrollverlust und die Diskrepanz zwischen eigenen Idealvorstellungen und dem realen Verhalten gleichsam als dissoziierten Teil von sich selbst.

Die Bezugspersonen (Familie, Freunde, Arbeitsplatz) erleben die Entfremdung durch den starken Wechsel der Beziehungsqualität und die Persönlichkeitsveränderungen der Betroffenen. Sie müssen auch häufig erleben, dass sie durch die ihnen aufgezwungene (fremden) Verantwortlichkeiten für das Wohl des Betroffenen oder der sozialen Umgebung Verhaltensweisen entwickeln, die selbstdestruktive Züge haben.

Suchtkranke Patientinnen und Patienten erleben im Regelbehandlungssystem häufig Ausgrenzungen, da sie scheinbar (auch aufgrund von Gegenübertragungsphänomenen wie Verleugnung, Scham, Ekel, Aggression und Bestrafungstendenzen) durch ihre „Unzuverlässigkeit“ nicht dem vertrauten Bild des folgsamen Patienten entsprechen.

Letztlich muss sich auch die Suchthilfe oft gegen Zuschreibungen wehren, zumindest „eigenartig“ oder rätselhaft zu sein, da sie besonders schwierige Patientinnen und Patienten mit möglicherweise „fremdartigen“ Methoden zu behandeln habe, diese könnten auch durch die Vorstellung bedingt sein, Suchthilfe müsse in erster Linie das Unkontrollierbare bändigen. Hier kommt das Moment der Gewalt ins Spiel, wobei sogar die Institutionen der Suchthilfe wiederum als Antwort auf die Psychodynamik der Externalisierung ständig darauf achten sollten, nicht ihren therapeutischen Auftrag der verbesserten Selbstständigkeit ihrer Klientel durch therapie-„fremde“, einschränkende, fallweise sogar intrusive Regeln und Rituale zu unterlaufen.

Der Workshop bietet Gelegenheit, diese Thesen zu diskutieren und anhand von Fallbeispielen aus der täglichen Praxis zu reflektieren.

Workshop 11

Robert, David, Maga (FH) Gabriella Fassold, Stephanie Grasser BA

Fremde Welten? Ein Workshop zur Lebenswelt suchtkranker Menschen

Verstehen sich ProfessionistInnen der Suchtarbeit in einer anderen Lebensrealität, als die AdressatInnen der Suchthilfe? Kann man von einer gesunden und einer kranken Welt sprechen? Gewöhnlich widmen sich wissenschaftlich geschulte Fachleute diesen Fragen und präsentieren die Ergebnisse wiederum "ihrer" Fachwelt. Vor dem Hintergrund einer akzeptierenden und ressourcenorientierten Haltung ist es jedoch unumgänglich das Fachwissen der Betroffenen in den Fokus zu nehmen.

Als ExpertInnen ihrer Lebenswelt gestalten Betroffene diesen Workshop und präsentieren ihren Zugang zur Suchterkrankung mit unterschiedlichen kreativen Methoden. Die TeilnehmerInnen bekommen die Möglichkeit, sich mit den eigenen Bildern von Fremdheit auseinanderzusetzen, sowie die Gelegenheit, sich einer fremden Welt aus ungewohnter Perspektive anzunähern. Der Workshop versteht sich als ein Format, bei dem die TeilnehmerInnen aktiv mitgestalten und sich mutig zeigen, auch ihre eigenen Erfahrungen einzubringen, sodass alle Beteiligte davon profitieren dürfen.

Workshop 12

Dr. phil. Mag. Drehli Robnik

Fremdschämen, Fremdeln, Frösteln: Comedy und Horrorfilm als Verbündete einer Politik/Theorie des „Entfremdungsgewinns“.


Horrorfilme können den Schrecken im Anderen, Fremden lokalisieren, können Bedrohungen projizieren. Oft genug projizieren sie dieses Bedrohlich-Fremde oder gar Eklige gerade ins Eigene: Unterscheidungen zwischen "uns" und "den Anderen" werden dann zum Problem, zum Wahrnehmungskrisenfall, zur Irritation. Sprich: Die Welt wird interessant (und nicht nur polizeilich abgegrenzt).

Ähnlich ist es mit Komödien, zumal solchen, die den bzw. die Körper ernst nehmen (Slapstick): Wir haben immer Ärger mit den störrischen Dingen, aber die Dinge sind natürlich wir selber, bzw. sind wir immer mitten unter den Dingen, in medias res, ohne Sicherheitsabstand, mit Haut und Haar und allem möglichen, das darunter ist.
So zu sehen/hören/fühlen ist das z.B. in Paranormal Activity(besonders Teil 2) und anderem Mockumentary-Horror; oder im Vampir-Migrationsfilm Let the Right One In - So finster die Nacht; oder im Alien-Roadmovie Under the Skin mit Scarlett Johansson; oder in Rammbock mit einem bladen Wiener unter Berliner Mietshauszombies; oder in Filmen von/mit Charlie Chaplin, Jacques Tati, Jerry Lewis, Will Ferrell, maschek und Lia Juresch. Schauen wir rein und reden wir drüber.