4. Studientage - Komplexe Suchtarbeit

Impuls-Referate

Impulsreferat 1

Dr.in med. Dr.in phil. Andrea Moldzio, MBA

Verletzte Leiblichkeit – Eine philosophisch-phänomenologische Analyse der Abhängigkeitserkrankungen.

Der Fremde befindet sich nicht nur außerhalb unseres Selbst. Das Fremde befindet sich auch in uns und kann sich auf mannigfaltigen Ebenen „zu Wort“ melden. Auch der Leib ist oft etwas Fremdes in uns, wird er doch meist mit dem Körper gleich gesetzt. Diese „vergessene Leiblichkeit“ als bekanntes und allgegenwärtig Vertrautes wieder zu uns zurückzuholen und sie in Form eines verletzen Leibes sowohl für unser Verständnis der Krankheitsentstehung als auch für die Therapie von Abhängigkeitskrankheiten zu nutzen, soll Thema des Impulsreferates sein. 

Impulsreferat 2

Univ.-Prof. Dr. med. Thomas Stompe

Evolutionsbiologische und kulturanthropologische Aspekte des Drogenkonsums.

Erste Hinweise auf den Genuss von Rauschdrogen finden sich bereits bei höheren Primaten. Beim Menschen zeugen Ausgrabungen von spätpaläolithischen Lagerplätzen vom Gebrauch halluzinogener Pilze. Figuren auf Felsmalereien aus dem gleichen Zeitraum wurden als Schamanen interpretiert. Drogenräusche wurden und werden in schamanistischen Kulturen als privilegierter Zugang zum Reich der Geister und Dämonen angesehen. Strukturdynamisch kommt es unter den Einfluss von Halluzinogenen durch die pharmakologische Induktion einer dynamischen Unstetigkeit zu einer Auflösung von Strukturanteilen und zu einem Einstrom von unbewussten imaginativen Material. Diese daraus resultierenden veränderten Wachbewusstseinszustände wurden in vorindustriellen Kulturen in einen rituell-mythischen Kontext eingebettet. Bereits in Ackerbaukulturen wurden allerdings manche Drogen als Genussmittel eingesetzt, immer wieder finden sich jedoch auch nach der industriellen Revolution Ansätze den Konsum von Rauschdrogen in einen weiteren kulturellen Rahmen zu stellen. Manche dieser Substanzen, wie Opiate, Cannabis oder Kokain haben über ihr Ursprungsgebiet hinaus eine globale Verbreitung erfahren, andere wie Khat, Betel oder Kava blieben in höherem Maß auf ihr durchaus großes Ausbreitungsgebiet beschränkt. Die evolutions- und kulturpsychologischen Erkenntnisse zum Drogenkonsum wurden bisher noch nicht ausreichend rezipiert und sollten in eine kritische Diskussion einfließen.

Impulsreferat 3

Prof. Dr. rer. pol. Heino Stöver

Die Angst der Profis vor der Legalisierung.

Warum stemmen sich nicht mehr MitarbeiterInnen des Drogenhilfesystems aktiv gegen die Kriminalisierung drogenkranker Menschen? Lehnen sie vielleicht sogar mehrheitlich liberale Drogenkontrollmodelle ab? So geschehen in Schleswig-Holstein (Deutschland) wo eine Befragung der PraktikerInnen in der Suchtkrankenhilfe ergab, dass diese mehrheitlich eine Rückkehr zu höheren Grenzmengen beim Eigenbedarf ablehnen, weil sie eine Zunahme des Drogengebrauchs befürchten.
Die Frage dahinter: Was trauen wir unseren KlientInnen zu und wie steht es mit dem Selbstbestimmungsrecht unserer Zielgruppe(n)? Oder wissen die
Professionellen es vielleicht besser und eine Bevormundung ist gerechtfertigt?

Impulsreferat 4

Dr.in rer. medic. Dipl.-Psych. Nina Romanczuk-Seiferth

Was weiß mein Gehirn, was ich nicht weiß? – Eine neurobiologische Perspektive auf Abhängigkeitserkrankungen.

„Warum konsumiere ich, wenn ich es doch eigentlich nicht will? Bin ich handlungsunfähiger Zuschauer, während eine fremde Macht die Kontrolle übernommen hat?". Diese und ähnliche Fragen begleiten den Alltag von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen. Das Impulsreferat führt in die aktuellen Erkenntnisse zur Neurobiologie von Abhängigkeits erkrankungen ein und diskutiert, inwiefern diese als Teil der subjektiv empfundenen Fremdbestimmtheit zu sehen sind. Das Referat geht dabei auf das Spannungsfeld ein, das sich zwischen den Erkenntnissen zur Neurobiologie der Abhängigkeitserkrankungen und der Frage nach der Veränderbarkeit der Situation für Patienten wie Therapeuten ergibt.

Impulsreferat 5

Dr. phil. Mag. Drehli Robnik

FILM SUCHT HEIM – Wie Filmbilder dort in uns wohnen, wo wir am unheimlichsten sind (gerade auch in der Festung Europa)

Film sucht heim und sucht ein Heim in uns, zumal jetzt, da er keines mehr hat. Denn das Kino wird zunehmend unheimlich: Kaum ist es der modernen Welt nicht mehr fremd, ist es schon zu normal, als dass wir es uns zu eigen machen wollen würden (wie die DVD oder Downloads einer Serie). Film wohnt in uns: in Erinnerungen, die nicht "unsere" sind, in Bildern, die wirkmächtig sind, gerade weil wir ihnen gegenüber ohnmächtig, prinzipiell zum Wahrnehmen ohne Scroll und Statusmeldung bestimmt sind (Film ist kein Game und ein Kinositz kein Thron).
Die Heimsuchung (das Heimleuchten) des Films trifft uns dort, wo wir andere sind und beide sich verfehlen. Im Sinn neuerer Film/Politik-Philosophien: Der Sinn, den Film macht, geht nicht vom Leib und Bewusstsein aus, sondern von Licht-Dingen, Öffnungen, Rissen, einem Außen, das uns intimer ist als jede Innerlichkeit (Deleuze). Oder aber Film beginnt beim Missbrauch - beim Selbstmissbrauch eines Bildes an seinen ästhetischen Vermögen, beim Daneben-Sein, das den Funktions-Ort-Versetzungen der Politik gleicht (Rancière).
Und das sind nur die Voraussetzungen dafür, dass es Film und dass Film uns zur Welt zieht.