Workshop: "Migranten und medizinisch unterversorgte, verarmte Menschen in der Allgemeinpraxis"


Wann: 26.11.16 / 14:30 - 26.11.16 / 17:30

Wo: Stadthalle Graz, Messeplatz 1, 8010 Graz

Dolmetschsituation

Foto: Marienambulanz

In der Marienambulanz werden Menschen ohne Krankenversicherung unentgeltlich behandelt und mit Medikamenten versorgt. Die angestellte Sozialarbeiterin versucht, Menschen wieder zu einer Krankenversicherung zu verhelfen. Außerdem gibt es eine enge Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb der Caritas, um sich der weiteren, oft sehr vielschichtigen Probleme unserer PatientInnen anzunehmen. Wohnungslosigkeit, unklarer Aufenthaltstitel, nicht wahrgenommene Ansprüche auf Mindestsicherung, manchmal sogar Hunger – diese stehen oftmals vor den medizinischen Problemen im Vordergrund und sind daher gemeinsam zu bearbeiten.

Eine weitere Hürde stellt die Unkenntnis des österreichischen Gesundheitssystems dar. Der „Hausarzt“ ist nicht überall bekannt, in vielen Ländern suchen PatientInnen öffentliche, weiter entfernte Facharztzentren auf oder gehen direkt in Krankenhäuser. Das System, sich Termine für Ärzte auszumachen und diese einhalten zu müssen, ist für manche neu. Zudem können in vielen Ländern Menschen in Apotheken unkompliziert selber Arzneimittel kaufen, die in Österreich rezeptpflichtig sind. Dies führt zu Missverständnissen und falschen Erwartungen: Menschen gehen direkt in Krankenhausambulanzen, halten Termine tlw. nur schwer ein oder erwarten sich viel mehr Medikamente als aus unserer Sicht notwendig. All dies bedarf Geduld, Kommunikation und Aufklärung.

Die häufigste Hürde stellt für PatientInnen und ÄrztInnen wohl die Sprachbarriere dar, dazu kommen kulturelle Unterschiede und manchmal auch Analphabetismus. In der Marienambulanz arbeiten regelmäßig ehrenamtliche DolmetscherInnen für die häufigsten Sprachen: Farsi, Arabisch, Rumänisch und Ungarisch. Weiters haben wir einen Pool an telefonisch erreichbaren Dolmetschern für verschiedene Sprachen. Verwendet werden auch Zeige-Bücher, Online-Übersetzungsprogramme und: „Hände und Füße“, wenn es gar nicht anders geht. Für Medikamentenschachteln haben wir mehrsprachige Aufkleber mit den wichtigsten Indikationen (z.B. Blutdruck), für Facharzttermine geben wir fremdsprachige Hinweiszettel mit, dass diese einzuhalten sind. Auch Wegbeschreibungen für die häufigsten von der Ambulanz aus getätigten Wege liegen auf.

Was kulturelle Unterschiede betrifft, sind die MitarbeiterInnen sehr erfahren, und die Zusammenarbeit mit den DolmetscherInnen ist ebenso hilfreich. Die häufigsten Themen sind hinlänglich bekannt: geschlechtsspezifische Untersuchungen, medikamentöse Therapie während des Ramadan, Aufklärung und Therapietreue sowie die oben erwähnten unterschiedlichen Erwartungen.

In nahezu allen Ballungsräumen Europas und auch Österreichs gibt es niederschwellige Gesundheitseinrichtungen, ähnlich der Marienambulanz. Wir betrachten unsere Einrichtung und unsere Arbeit nicht als eine Medizin außerhalb der bestehenden Strukturen, sondern als sinnvolle Ergänzung eines breitgefächerten medizinischen Angebots. Neben den öffentlichen Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäusern und Arztpraxen, besteht eben noch der Bedarf für Angebote für bestimmte Zielgruppen, wie z.B. unversicherte PatientInnen oder MigrantInnen. Wir sind ein Puzzleteil im bestehenden System und teilen gerne unsere Erfahrungen mit anderen.

Über diese Arbeit berichten wir in unserem Vortrag sowie unserem Workshop auf dem Allgemeinmedizinerkongress in Graz. Gemeinsam mit uns werden Kolleginnen vom Louise-Bus der Critas Wien Einblicke und Erfahrungen aus ihrer äußerst spannenden Tätigkeit teilen, auch der ausgeklügelt ausgestattete Bus kann besichtigt werden.

Über folgenden Link kommen Sie zur Homepage der Marienambulanz, wo auch der Jahresbericht 2015 abrufbar ist: http://marienambulanz.caritas-steiermark.at/