Vortrag "Medizin außerhalb der bestehenden Strukturen"


Wann: 24.11.16 / 16:45 - 24.11.16 / 17:10

Wo: Stadthalle Graz, Messeplatz 1, 8010 Graz

Ambulanzauto

Foto: Gimpel

„Was ist die Marienambulanz und was macht ihr da eigentlich?“ ist eine häufige Frage, die man gestellt bekommt, wenn man im Freundes- bzw. Bekanntenkreis über seine Arbeit erzählt. Nach einigem Überlegen, antworte ich meistens: „im Prinzip ist es, wie in einer Hausarztpraxis, aber…“. Meistens bin ich dann kaum noch zu stoppen:

Die Marienambulanz gibt es seit 1999. Gegründet wurde sie in einer Zeit, in der viele Flüchtlinge und Asylwerber aus Bosnien nach Graz kamen, die unter den damals gültigen Gesetzen keine Krankenversicherung hatten. Ein engagiertes Team aus ÄrztInnen und MitarbeiterInnen der Caritas sah den Bedarf, eine Einrichtung zu gründen, die eine medizinische Grundversorgung für Menschen ohne Krankenversicherung anbietet. Zusätzlich wurde schon seit längerem im Marienstüberl der Caritas, wo Bedürftige kostenlos eine warme Mahlzeit erhalten können, eine medizinische Beratungsstunde von einem ehrenamtlichen Arzt angeboten. So wurde die Marienambulanz in der Mariengasse gegründet und 1x täglich in der Mittagszeit von einem Team aus ehrenamtlichen ÄrztInnen und Krankenschwestern medizinische Grundversorgung für Menschen mit erschwertem Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem angeboten.

Nach fast 18 Jahren sind wir mittlerweile ein Ambulatorium nach dem steiermärkischen Krankenanstaltengesetz, mit vielfältigen Angeboten wie einer Frauensprechstunde, Psychiatrieordination, Diabetessprechstunde und vielem anderem mehr. In vielen Punkten entspricht die derzeitige Ambulanz bereits einem modernen Primärversorgungszentrum. Geändert hat sich in diesen 18 Jahren nicht nur die Größe und die Rechtsform der Ambulanz, sondern immer wieder auch die Zusammensetzung unserer PatientInnen: im Jahr 2016 stammt die größte Gruppe aus Afghanistan, dann folgen Rumänien, Syrien und Irak, Tschetschenien und Österreich.

Was bedeutet es, einen erschwerten Zugang zum Gesundheitssystem zu haben? Und warum suchen diese Menschen die Marienambulanz auf?

Eine Ärztin misst den Blutdruck einer Patientin.

Zum einen ist eine fehlende Krankenversicherung eine wesentliche Hürde für den Zugang zur medizinischen Versorgung. Normalerweise sind laut Angaben des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger in Österreich 99 % der in Österreich lebenden Menschen krankenversichert. Wenn man jedoch aufgrund von Erkrankungen (zumeist psychischen oder Suchterkrankungen) nicht in der Lage ist, die notwendigen Amtswege (zum Arbeits- oder Sozialamt) zu erledigen, bedeutet das, dass die Krankenversicherung nicht weitergeführt wird. Auch geringfügig Beschäftigte und Selbstständige mit unsicherer Auftragslage können sich häufig die Beträge zur Krankenversicherung nicht leisten. ArmutsmigrantInnen aus anderen EU-Ländern, in unserem Fall häufig Rumänien, sind in Österreich nicht krankenversichert, sofern sie im Heimatland nicht versichert und in Österreich nicht beschäftigt sind. Und auch unter den Asylwerbern gibt es immer einige, die aus der Grundversorgung herausfallen und dann nicht versichert sind. Zusammenfassend sind es überwiegend Menschen, die arm sind oder ein geringes Bildungsniveau oder chronische Erkrankungen haben.

In der Marienambulanz werden Menschen ohne Krankenversicherung unentgeltlich behandelt und mit Medikamenten versorgt. Die angestellte Sozialarbeiterin versucht, Menschen wieder zu einer Krankenversicherung zu verhelfen. Außerdem gibt es eine enge Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb der Caritas, um sich der weiteren, oft sehr vielschichtigen Probleme unserer PatientInnen anzunehmen. Wohnungslosigkeit, unklarer Aufenthaltstitel, nicht wahrgenommene Ansprüche auf Mindestsicherung, manchmal sogar Hunger – diese stehen oftmals vor den medizinischen Problemen im Vordergrund und sind daher gemeinsam zu bearbeiten.

Menschen, die den Weg in unsere Ambulanz nicht schaffen, erreichen wir durch unser aufsuchendes Angebot, der Rollenden Ambulanz. Hier fährt 1x wöchentlich ein Arzt/Ärztin sowie eine medizinische Assistenz öffentliche Plätze sowie Notschlafstellen in Graz an, an denen unsere Zielgruppe anzutreffen ist. Ein Hauptziel ist neben der Akutbehandlung die Motivation sowie der Vertrauensaufbau, so dass der Weg in die Ambulanz zur weiterführenden Diagnostik und Therapie ermöglicht wird.

Über diese Arbeit berichten wir in unserem Vortrag sowie unserem Workshop auf dem Allgemeinmedizinerkongress in Graz. Gemeinsam mit uns werden Kolleginnen vom Louise-Bus der Caritas Wien Einblicke und Erfahrungen aus ihrer äußerst spannenden Tätigkeit teilen, auch der ausgeklügelt ausgestattete Bus kann besichtigt werden.

Über folgenden Link kommen Sie zur Homepage der Marienambulanz, wo auch der Jahresbericht 2015 abrufbar ist: http://marienambulanz.caritas-steiermark.at/