Beratungssituation

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Große Schatten über Afrika

27.08.20 / 08:25

Foto: Caritas

Georg Gnigler, Caritas-Länderreferent für Burundi und den Südsudan im Gespräch zu aktuellen Herausforderungen für die Menschen auf dem schwarzen Kontinent.

Während wir in Österreich unter der Bedrohung des Coronavirus mit Szenarien leben lernen müssen, die wir uns noch vor einem Jahr nicht vorstellen konnten, trifft das Virus in Afrika auf einen Kontinent, in dem es nur ein Schrecken unter anderen ist. Welche Bedrohung ist in diesem Sommer am akutesten?

Georg Gnigler: Heuschrecken. Die sich gerade anbahnende Invasion von Wüstenheuschrecken ist die größte seit 70 Jahren.  Es wird erwartet, dass sehr bald riesige Schwärme von Kenia über den Südsudan nordwärts in den Sudan wandern. Die Auswirkungen werden verheerend sein. Schon ein kleiner Schwarm in der Größe von einem Quadratkilometer frisst täglich so viel, wie 35.000 Menschen pro Tag zum Essen brauchen.

 

Und auch die Corona-Pandemie weitet sich aus. Wie reagiert Afrika darauf?

Gnigler: Derzeit scheint sich das Virus weniger stark auf die Bevölkerung auszuwirken als befürchtet. Das kann daran liegen, dass wir keine verlässlichen Zahlen haben, möglicherweise liegt es aber an der deutlich jüngeren Bevölkerungsstruktur. Dennoch könnten die im April von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) prognostizierten 300.000 Corona-Toten weit übertroffen werden, da durch die Maßnahmen zum Schutz vor dem Virus die indirekten Auswirkungen schwerer wiegen als das Virus selbst.

 

Um welche Maßnahmen geht es da?

Gnigler: Die Infektionsgefahr geht von den Städten aus.  Die meisten Städter sind Taglöhner oder kleine Handelstreibende.  Sie müssen sich ihr Einkommen jeden Tag neu schaffen. Die Grenzen zwischen den Ländern sind geschlossen, das treibt die Preise in die Höhe. Die Bevölkerung muss jetzt um 50 Prozent mehr für ihr Essen zahlen. Daheim bleiben ist unmöglich. Darum musste es zu Lockerungen kommen. Sonst könnten Hungerrevolten ausbrechen, wozu es ja in Südafrika bereits gekommen ist.

 

Wie schaut es in den ländlichen Gegenden aus?

Gnigler: Diese sind begünstigt, was das Virus angeht. Allerdings drohen hier die Heuschrecken. Dass heuer mit viel Regen zu rechnen ist, begünstigt deren Verbreitung noch. Verursacht wird der Regen vom Indischen-Ozean-Dipol, einer natürlich auftretenden Anomalie der Meeresoberflächen-Temperatur. Sie wirkt als „Wetterschaukel“: Wenn es in Australien trocken ist, regnet es in Ostafrika und umgekehrt. Der Klimawandel verstärkt dieses Phänomen.

 

Wieso nahm die Heuschreckenplage solche Ausmaße an?

Gnigler: Ein wesentlicher Grund ist der Krieg im Jemen, wodurch sich in den letzten Jahren die Wüstenheuschrecken ungehindert vermehren konnten. Nun ist ein Teil nach Norden über den persischen Golf in den Iran und auf den indischen Subkontinent gezogen. Ein Teil gelangte über das Rote Meer auf das Horn von Afrika, ist jetzt in Somalia, Äthiopien, Kenia. Vor Jahren hätte man sie im Jemen leicht bekämpfen können.

 

Der Südsudan ist reich an Erdöl. Könnte das die Lage verbessern?

Gnigler: Südsudan erwirtschaftet 78 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mit Erdöl. Aufgrund der Coronakrise ist die Nachfrage nach Erdöl stark gesunken und die Ölförderung weltweit massiv zurückgefahren worden. Das merkt man auch am billigen Ölpreis bei uns.

 

Also eine weitere Folge der Maßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus. Welche sehen Sie noch?

Gnigler: Die großen Impfprogramme der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegen Polio und Masern sind wegen der Grenzschließungen gestoppt. Hier geht es um Babys und Kleinkinder! Die WHO warnt, dass aufgrund dieser ausgesetzten Impfprogramme  die Gefahr besteht, dass 110 Millionen Kinder in Afrika an Krankheiten sterben, gegen die sie sonst geschützt würden.

 

Auch Burundi ist ein Schwerpunktland der Caritas Steiermark. Wie ist die Lage dort?

Gnigler: In Burundi war Mitte der 1990er Jahre der letzte Bürgerkrieg.  Politisch wurde das Land in den letzten 20 Jahren an die Wand gefahren.  Im Mai hat es Wahlen gegeben, der alte Präsident hatte nicht mehr kandidiert. Zwei Wochen nach der Wahl ist er verstorben. Offiziell an Herzversagen, vermutlich aber an Corona. Was das Ganze pikant macht, ist, dass er einer der größten Coronaleugner war. Er hatte gesagt das Virus habe in Burundi keine Chance, weil Gott die Luft über Burundi reinige. Tage später war er tot. Der neue Präsident verfügte nun eine 180 Grad Kehrtwende in der Coronapolitik.  

 

Was kann man mit Spenden an die Caritas Steiermark bewirken?

Gnigler: Wir unterstützen im Südsudan und in Burundi besonders die Kinder. In Burundi sind es Waisenkinder in drei Waisenheimen, für die auch Pflegeplätze gesucht und gefunden werden. In unseren Ernährungszentren im Südsudan bekommen Babys und Kleinkinder bis fünf Jahre drei Mal in der Woche kräftigendes Essen.  Und natürlich unterstützen wir unsere Partner dabei, der Coronapandemie mit Information und Hygienematerial entgegenzuwirken.

Interview geführt von Annelies Pichler

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