Beratungssituation

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Marienstüberl: "Liebe zu den Armen. Auch, wenn sie unsauber sind."

17.03.16 / 11:11

Schwester Elisabeth Gruber in der Küche des Marienstüberls der Caritas

Foto: Wegscheidler

Das Marienstüberl in Graz versorgt seit 20 Jahren täglich über 250 Bedürftige mit heißen Mahlzeiten, einer warmen Stube und einem offenen Ohr. Leiterin Schwester Elisabeth Gruber ist seit 14 Jahren im Marienstüberl und erzählt über die Besucher, eine oft erschreckende Wirklichkeit und die Kraft, die man braucht, um hier freiwillig mitzuhelfen.

 
Wie kann man sich einen Besucher des Marienstüberls vorstellen?

Schwester Elisabeth: Das Marienstüberl ist eine Begegnungsstelle für einsame Menschen. Darum kommen auch Pensionisten her. Denn wenn man allein ist und niemanden zu reden hat, auch dann ist man arm. Diese Menschen geben beim Mittagessen oft eine kleine Spende her, die Höhe der Spende liegt zwischen 10 Cent und 1 Euro, je nachdem, wie viel die Person verdient. Dann können diese Menschen sagen: „So, hier bin ich zuhause.“ Das Marienstüberl ist also ein Stück weit Familienersatz. Bis hin wo man auch die Toten begräbt, wenn jemand stirbt. Wir tun also alle Werke der Barmherzigkeit.

 

Also ist das Marienstüberl weit mehr als Essen?

Schwester Elisabeth: Essen schafft zum Einen mal einen Zugang zu den Menschen. Es ist mir wichtig, dass der Klient zuerst einmal gegessen hat und nicht hungrig sein muss. Sonst braucht man ja gar kein Gespräch anfangen. Dort liegt für mich ja der wunde Punkt: Erst, wenn ich dem Menschen zu Essen gegeben habe, kann ich Gespräche führen. Davor nimmt einen ein hungriger Mensch nicht ernst.

 

 
Essensausgabe im Marienstüberl

Im Marienstüberl gibt es um 9 Uhr Frühstück und um jeweils 12 und 13 Uhr Mittagessen.

In 14 Jahren sieht man natürlich einiges und erlebt vieles mit. Welche Eigenschaften sollte man mitbringen, um im Marienstüberl zu arbeiten?

Schwester Elisabeth: Das erste ist Liebe zu den Armen, egal ob sie unsauber sind oder schlecht riechen. Wenn man dem nicht gewachsen ist, kann man hier nicht arbeiten. Einmal hat zum Beispiel eine Ehrenamtliche gesagt: „Schwester, es tut mir leid, aber weißt du, es stinkt hier so, da kann ich nicht helfen.“ Ich habe mich dann für die Ehrlichkeit bedankt, aber es ist nun mal eine Wirklichkeit, dass Armut oder der Arme an sich nicht immer schön sind. Er kann sich zwar schön machen, aber es bleibt immer noch Armut. Dann muss man ja auch sagen, dass viele eben nicht in einer Notschlafstelle schlafen können, sondern im Freien übernachten, weil es nicht genügend Plätze gibt.

Im Marienstüberl arbeiten vier Zivildiener und zwei Angestellte. Der Rest des Aufwands wird von 100 Freiwilligen aufgebracht, davon sind täglich sechs vor Ort.

 
Gibt es irgendwelche einschneidenden Erlebnisse?

Schwester Elisabeth: Die gibt es jeden Tag. Es kommen immer wieder arme Menschen. Die ganzen Probleme, die Armut, Alkoholsucht, Drogensucht usw. mit sich bringen, die kommen auch hier zusammen. Man erlebt die Not dieser Menschen, die Entzugserscheinungen, die Schmerzen ja mit. Wenn man manchmal auch erkennen muss, dass ein Mensch sagt: „Ihr könnt mir nicht helfen, aber ich selbst kann es auch nicht.“ Das ist eine Wirklichkeit, die man ansehen muss. Da ist es wichtig, zu glauben. Wir wissen, wo der Mensch keinen Zugang hat, da hat ihn Gott.

 

Wie sieht ein typischer Tag im Marienstüberl aus?

Schwester Elisabeth: Um 8 Uhr kann jeder kommen, um 9 Uhr gibt es das Frühstück. Wenn jemand neu ist, kann derjenige sich an den anderen hier orientieren. Um 12 und 13 Uhr gibt es jeweils einen Mittagstisch, die Stadt Graz gibt dafür jeden Tag 170 Portionen. Dazu kommen die Zivildiener, die uns dabei unterstützen. Zu Mittag spenden dann manche etwas Geld. Wer für längere Zeit zu uns kommt, der bekommt eine Marienstüberlkarte. Sie haben dann sowas wie ein Zuhause bei uns.

Was macht besondere Freude bei dieser Arbeit?

Schwester Elisabeth: Freude bereitet die Dankbarkeit der Menschen. Bei jenen, die nicht so dankbar sind, muss man sehen, dass das meist Leute sind, die mit sich selbst unzufrieden sind, denen Dankbarkeit darum schwer fällt. Aber die Dankbarkeit gibt Freude und Mut.

 

Was ist mühsam?

Schwester Elisabeth: Anstrengend ist es, die ganzen Spenden richtig zu verplanen. Das ist jeden Tag eine Herausforderung. Hat man genug zu essen? Hat man viel oder wenig? Wie teile ich mir das richtig ein? Es braucht eine Wirtschaftsstruktur mit Hirn, Herz und Hand.

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