Eine Fastengeschichte zum Schmunzeln

Unsere Kollegin Siegrid* (Name geändert) hat die Herausforderung angenommen und den Fasten-Selbstversuch gewagt. In ihrem Fastentagebuch, das sie mit uns geteilt hat, erzählt sie - mit einem Augenzwinkern - über Fastenerfolge und -misserfolge.
 

Fastentagebuch

Viele Leute fasten, um ihrem Körper etwas Gutes zu tun, zu entschlacken, ein paar Kilo abzunehmen oder einfach den Charakter zu stärken. Nicht so ich – der einfache Satz „Ich wette du schaffst es nie, mindestens zwei Tage zu fasten“ – reichte, um mich herauszufordern. Was dachten die sich denn, wen sie da vor sich hatten, das ist ja eine Kleinigkeit für mich, schaffte ich mit links. Noch ehe mein Hirn Stopp! schreien konnte, mach keinen Unsinn - Bauchgefühl halt – hatte ich die Wette auch schon angenommen.

Den Zeitpunkt der Fastenaktion durfte ich selbst festlegen und so wurden vorher noch sämtliche Schokoladen- und Süßigkeitenvorräte geleert, der Kühlschrank leer gefuttert, Die Speisekammer versperrt und der Schlüssel versteckt, anschließend jede Menge Gemüse für eine  Fastensuppe eingekauft, die als einziges Nahrungsmittel in der Zeit gegessen werden durfte. Mein Liebster wurde ebenfalls zum Fasten verdonnert, denn geteiltes Leid ist ja bekanntlich halbes Leid, außerdem beim Hungern dem Vis-à-vie beim Essen zusehen zu müssen, wäre eindeutig zu viel für mich gewesen.


Tag 1

Ich bin hochmotiviert aufgewacht, so ein paar Tage hungern können mich ja wohl nicht klein kriegen. Als erstes zwei Liter Kräutertee gekocht, damit bekämpft man das Hungergefühl, möglichst warm langsam schlürfen – klappt ganz gut. Jedes Mal wenn jetzt der Magen knurrt, wird entweder Kräutertee oder Wasser geschlürft. Damit komm ich gut zurecht, um mich etwas abzulenken, putze ich die Wohnung, da muss ich nicht immer an essen denken. Gegen Mittag wird das Gemüse für die Suppe klein geschnitten und mit den Kräutern gekocht, ich freu mich zwar nicht riesig darauf, ein Schnitzel wär mir jetzt entschieden lieber, aber was soll´s.

Mein Liebster verschwindet im Keller, er muss etwas reparieren. Also die Suppe war gar nicht so übel, obwohl ich kein Salz dazugeben durfte – soll ja entschlackend wirken – aber richtig satt macht sie leider nicht. Ich will mich mit fernsehen ablenken, leider eine nicht so gute Idee. Wieso ist mir bis jetzt nicht aufgefallen, wieviel in der Flimmerkiste gegessen wird – unfassbar. Deshalb die Fastenkur mit Fernsehfasten ergänzen, sicher ist sicher. Natürlich gibt es sofort Protest vom Liebsten, daher der Kompromiss, er darf bei geschlossener Tür das Zweitgerät im Arbeitszimmer benutzen. Ich lese ein gutes Buch und schlürfe Kräutertee.


Tag 2

Ich wache auf und mein Magen knurrt. Trotzdem bin ich stolz, dass ich den ersten Tag meiner Fastenaktion relativ gut überlebt habe. Leider weiß ich aber jetzt, was mir bevorsteht und dass ist nicht gerade motivierend. Aber was soll´s, Wette ist Wette, so schnell gebe ich nicht auf. Wieder Kräutertee kochen und langsam und bewusst schlürfen. Eigenartigerweise ist mir die ganze Zeit schon ein wenig kalt und die gute Laune hält sich auch eher in Grenzen. Ich wickle mich in eine Wolldecke und lese, für irgendwelche Putz- oder sonstige Ablenkaktionen bin ich einfach zu schlapp. Der Liebste will den schönen Tag nutzen und spazieren gehen – eigenartig, er ist eigentlich nicht der bewegungsaktive Typ. Für den Hunger nimmt er eine Thermoskanne Kräutertee mit. Ich gebe zu, das Hungergefühl in mir wird stärker und die Gedanken kreisen häufiger mal um das Thema Essen. Die Fastensuppe hat mir an diesem Tag besser geschmeckt. Bin früh schlafen gegangen.


Tag 3

Ich wache auf und bilde mir ein, es riecht nach Kaffee und warmen Semmeln. Leider nur eine Geruchsfatamorgana, also koche ich Kräutertee. Mein persönlicher Ehrgeiz ist geweckt, so ein bisschen Hungern kriegt mich nicht klein. Mein Liebster steckt die Fastenkur besser weg als ich, er ist nicht übel gelaunt, aber ziemlich oft im Keller. Mir ist schwummrig und kalt, außerdem könnte ich für ein Schnitzel morden. Gegen mittag wollte ich etwas frische Luft schnappen, aber überall hat es nach Essen gerochen, da bin ich lieber umgedreht und hab mich in meine Wolldecke vergraben. Bin wieder früh schlafen gegangen.


Tag 4

Genug ist genug, was tue ich meinem armen Köper eigentlich an? Drei Tage fasten, das ist einer mehr als mindesten gefordert wurde. Bin mit weichen Knien durch die Wohnung gewankt, um den Schlüssel für die Speisekammer zu finden. Dann habe ich mir das erstbeste Kompottglas geschnappt und genussvoll leergegessen. Der erste Bissen Marillenkompott war einfach göttlich – süß und klebrig, ich habe in meinem Leben noch nie so etwas Köstliches gegessen. Dann war die Packung Zwieback an der Reihe, denn so viel war mir schon bewusst, die erste Mahlzeit sollte magenschohnend sein. Durch die Geräusche meiner Fressorgie aufgewacht, taumelte mein Liebster ins Wohnzimmer und seufzte sehr erleichtert auf: „Ist der Wahnsinn jetzt endlich vorbei, wart mal ich bring dir was.“

Da kam es raus, es hatte nicht tapfer mit mir mitgefastet, denn ein Mann braucht seine Kalorien zum überleben, sondern heimlich im Keller gefuttert. Mir zuliebe nur geruchsneutrale Sachen wie milder Käse, Butter, Semmeln, Extrawurst und damit ich nichts rieche, alles mit Kräutertee runtergespült. Die Spaziergänge waren reine Essensausflüge in die nahe gelegenen Gasthäuser, mit anschließendem Kaugummidessert. Ich hab es ihm verzeihen, als er seine Vorräte aus dem Keller mit mir teilte und ich endlich satt und zufrieden, mit etwas Bauchweh vom schnellen Essen, aber auch ein wenig stolz auf die Wohnzimmercouch sank, denn drei Tage fasten hätte selbst ich mir nicht zugetraut.