Delogierung
Information Delogierung
Ich habe Angst, delogiert zu werden ...
Ein Flohmarkt in einer steirischen Pfarre. Eine junge Frau nähert sich einer Mitarbeiterin. Sie kommen ins Gespräch. Die junge Frau klagt schließlich ihr Leid: sie wird nächste Woche delogiert. Sie hat ein 6-jähriges Kind. Was wird aus dem Kind, wenn die Mutter delogiert wird ? Die Mitarbeiterin bestellt die junge Frau für Montag in die Pfarre. Es sind nur knappe 2 Tage Zeit, um die Umstände zu klären und um etwas zu unternehmen. Das ist eigentlich zu wenig. Wie ist es dazu gekommen ? Hatte die Frau zu wenig Geld ? Oder hat sie sich nicht gekümmert ? Warum hat sie das Problem verdrängt und kommt nun im letzten Augenblick ? Ist noch etwas anderes passiert ? Oder geht es der Frau seelisch nicht gut, so dass sie handlungsunfähig war ? Was hat die junge Frau bisher unternommen, um aus der Krise zu kommen ? Wen hat sie um Hilfe gebeten ? Hat sie zu schnell aufgegeben ? Oder hat sie nicht getan, was ihr geraten wurde ? Was sagt der Vermieter ? Ist er bereit, etwas zu warten ? Wieviel Geld schuldet die Frau ihm ? Lässt sich die Delogierung vorläufig stoppen ? Und wenn es gelingt, was ist danach ? Wird sich die Frau stabilisieren ? Oder ist in einem halben Jahr wieder das Selbe? Wer wird sich um die junge Frau kümmern ? Hat sie eine Mutter oder Verwandte, hat sie sonst jemanden, der ihr beistehen kann ? Viele Fragen, viele Unklarheiten, und da sitzt diese junge Frau und erwartet Hilfe.
Warum verliert eine Familie ihre Wohnung ?
Anhaltende Arbeitslosigkeit, geringe Einkommen oder Einkommensbußen, persönliche Lebenskrisen, Brüche in den Lebensläufen und geringer sozialer Rückhalt bringen Menschen in Gefahr, ihre Wohnung zu verlieren. Oft sind Mietschulden die Ursache eines Wohnungsverlustes. Sie stehen meist am Ende einer langen Ursachen- und Verschuldungskette. Die häufigsten Ursachen für die Entstehung von Mietschulden sind das ungünstige Verhältnis von Einkommen und Wohnungskosten, Einkommenseinbußen durch Arbeitslosigkeit und / oder Karenz, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Haushaltsverschuldung, Informationsmangel bezüglich Sozialleistungen, Krankheit, Scheidung, familiäre Probleme und Konflikte.
Was sind die Folgen ?
Die Schäden, die angerichtet werden, sind soziale, seelische und gesundheitliche, abgesehen vom finanziellen Schaden, der für die Betroffenen entsteht und für die Kommunen entstehen kann. Menschen verlieren ihr Dach über dem Kopf und verlieren ihr Umfeld. Die betroffenen Kinder verlieren in vielen Fällen die Chancen auf ein geordnetes Leben und verlieren oft ihre Zukunftsperspektiven. Das kann dazu führen, dass dann in späteren Jahren erhebliche Kosten für ihre Resozialisierung anfallen.
Kann das verhindert werden ?
Wohnungssicherung kann durch rechtzeitige Hilfen einen drohenden Wohnungsverlust oft verhindern. Die Abwendung einer Delogierung erspart den Betroffenen das persönliche Leiden, kann gewachsene Beziehungen im sozialen Umfeld erhalten, kann die Einweisung in eine Notschlafstelle verhindern, kann für Kinder die Einweisung in eine Pflegefamilie verhindern, und sie kann dauerhafte Fremdhilfe-Abhängigkeit vermeiden helfen. Dass Delogierungen oft abgewendet werden können, wenn rechtzeitig interveniert wird, wurde auch von der Politik erkannt. In mehreren österrreichischen Bundesländern entstehen nun Fachstellen für Wohnungssicherung. Für die Steiermark haben Landesrat Dr.Kurt Flecker und Stadträtin Tatjana Kaltenbeck-Michl die Caritas beauftragt, im Rahmen eines 3-Jahres-Projektes den Fokus darauf zu legen und im Verbund mit öffentlichen und privaten Stellen gefährdeten Haushalten koordinierte Hilfestellungen zu ermöglichen.
Delogierung um 8 Uhr morgens..
12. April 2007, 10:00 Uhr.
Ich komm gerade von einer Delogierung und steh noch immer unter den Eindrücken, den Gefühlen und der Stimmung die dort herrschten: Wenn es wie wild an der Tür läutet, vor der Tür mehrere Leute (unter anderem die Gerichtsvollzieherin) stehen und in die eigene Wohnung, in den ganz persönlichen Bereich mit eindringen. Dieses Gefühl ist so erniedrigend und entwürdigend, das kann man sich nur vorstellen, wenn man schon einmal selber bei einer Delogierung dabei war. Es geht "nur" ums Geld und manche werden behandelt, als hätten sie das ärgste Verbrechen begangen. Beim Wort "Delogierung" denken sich zwar viele "das muss wohl schlimm sein" oder Ähnliches, aber was wirklich dahinter steckt, wie eine Delogierung dann tatsächlich abläuft, das ist kaum vorstellbar. In meinem Fall war es so: Ich bin Sozialarbeiterin in der WOG. Meine Klientin hat gestern (durch ein SMS von mir) erfahren, dass sie am nächsten Tag um 8 Uhr morgens delogiert wird. Es geht um einen Zahlungsrückstand von € 2.000. Um 20 Uhr hab ich mit ihr nochmals telefoniert - sie hat € 1000,- aufgetrieben (von einem Bekannten ausgeborgt hat, um die Delogierung nochmals zu verschieben). Wir haben dann vereinbart, dass ich gleich in der Früh zu ihr kommen und bei der Delogierung dabei sein werde. Sie hatte aber erst vor kurzem eine neue Arbeit erhalten und konnte daher nicht zu Hause bleiben. Somit wartete ich alleine, bewaffnet mit € 1.000, in der Wohnung meiner Klientin. Es läutet an der Tür, heftig, ein paar Mal. Mehrere Personen sind vor der Tür und treten gleich ein, ohne Kommentar. Die streng dreinblickende Gerichtsvollzieherin meint, ich sei die Klientin - ich sage ihr, dass ich die Sozialarbeiterin bin. Wie mit Engelszungen rede ich auf den Rechtsanwalt und auf die Gerichtsvollzieherin ein. Ich bitte darum, den Räumungstermin noch einmal um ein Monat zu verschieben. Sie sagt, ein zweites Mal eine Delogierung zu verschieben, dass ginge sowieso nicht und ordnet den Männern von der Spedition an, mit dem Einpacken der Möbel und Gegenstände anzufangen. Zu mir meint sie: Nehmen sie eine Schachtel und packen sie die wichtigsten Dinge, Medikamente etc., die die beiden (meine Klientin und ihr 6-jähriger Sohn) brauchen, ein. Es überschwemmt mich in diesem Moment ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht und auch des Zorns. Es ist spürbar, wie mächtig die Gerichtsvollzieherin ist und wie klein meine Klientin im Vergleich zu ihr - gegenüber dieser Frau, die plötzlich und ohne weiteres über das Eigentum von jemand anderem, meiner Klientin, bestimmen kann. In diesem Moment habe ich das Gefühl, dass alles verloren ist, sie werden gleich die Sachen von Frau NN einpacken: Tausend Dinge gehen mir da durch den Kopf … Wo wird die Familie heute Nacht schlafen? Wie wird das für ihren 6-jährigen Sohn sein, wenn er die Nacht in einem fremden Heim verbringen muss ? Die 1.000 € nehme ich trotzdem, sagt die Gerichtsvollzieherin - sie will schon zum Geld greifen - das auf dem Tisch liegt - aber ich bin schneller. Sie greift wieder nach dem Geld in meiner Hand, streckt die Hand schon aus und meint - da ich die Hand von ihr weghalte: "Gut, dann muss ich die Polizei rufen". Ich komm mir vor wie eine Verbrecherin - sage ihr immer wieder, dass ich ihr das Geld nicht geben kann, da es das Geld von Frau NN ist, und die gesagt hat, es nur für die Aufschiebung der Delogierung zu verwenden. Die Gerichtsvollzieherin sagt wieder zu mir: "Sie geben mir jetzt das Geld!"... Die Stimmung ist geladen, ich frage den Rechtsanwalt wieder und wieder ob er nicht die Räumung noch einmal aufschieben könne. Dann kommen zwei Bekannte von Frau NN - ich merke, wie dankbar ich für die Unterstützung bin. Das völlige Gefühl des Ausgeliefertseins, des alleinigen Kämpfens ist jetzt weg. Ich gebe jetzt den Bekannten das Geld, die Gerichtsvollzieherin will es auch ihnen wegnehmen. Sie geben es aber auch nicht her. Sie meinen, es gehöre deren Vater und rufen ihn an. Die Gerichtvollzieherin meint nochmals, sie ruft jetzt die Polizei und nimmt das Handy. Ich verstehe diese Reaktion in diesem Moment nicht. Sicher, die Klientin war selber schuld, sie hat die Miete damals nicht eingezahlt. Aber ich empfinde die Situation in diesem Augenblick als so erdrückend. Wieso kann Frau NN nicht noch eine Chance erhalten? Ich spüre die Angst, dass jetzt alles verloren ist und dass nun wirklich die Wohnung ausgeräumt wird. Dann kommt ein Mann in die Wohnung und fängt an zu Schreien. Da habe ich das Gefühl: das ist jetzt die ärgste Person in diesem Schauspiel - jetzt ist alles aus. Aber es ist der Mann, der Frau NN die 1.000 € geliehen hat… Der Mann gibt dem Rechtsanwalt schließlich € 2.000. Ich spüre unendliche Erleichterung und plötzlich sind alle wieder menschlich: Die Gerichtsvollzieherin redet irgendwas vom Kind, dann sagt sie - dass sie das geklärt hat, wir müssen das Geld (die "umkämpften" € 1000,--) nun doch nicht an sie bezahlen. Sie geht und plötzlich wird die Stimmung entspannter. Der Rechtsanwalt meint, dass es für ihn auch schwer ist. Er weiß ja wie das ist, da er selber ein 7-jähriges Kind habe. Die Ohnmacht, zu sehen, wie die Leute in der eigenen Wohnung herumgehen. Der Satz: "Wir packen das alles ein" ist so respektlos. In diesem Moment wird einem die Würde genommen, man hat nichts mehr zu bestimmen, die anderen packen die eigenen Dinge ein. Eine Wohnung freiwillig aufzugeben, freiwillig umzuziehen ist etwas ganz anderes. Aber dieses "Müssen"… Für viele ist die Wohnung Rückzugsort, Vertrautheit, "Daheimsein". Wenn einem das genommen wird, bleibt einem nur noch wenig.
DSA Mira Kronsteiner
Wohnungssicherung
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